Berliner CDU : Mit Krisengefühlen zur Kandidatenkür

Die Berliner CDU will an diesem Sonnabend ihre Landesliste für die Bundestags- und die Europawahl zusammenstellen.

Werner van Bebber
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Unruhe unter Deck. Der neue Berliner CDU-Steuermann Frank Henkel sucht noch ruhiges Fahrwasser. Foto: Davids

Einig ist man sich in der noch immer streitlustigen Berliner CDU nur über eins: Der Partei steht ein spannender Sonnabend bevor. Wenn die Delegierten die Listen für die Bundestags- und die Wahl zum Europaparlament wählen, ist vieles möglich, unerwartete Kandidaturen und ein turbulenter Verlauf eingeschlossen. Keiner von denen, die sich mit der Partei auskennen, traut sich auch nur eine Prognose über die Dauer der Veranstaltung zu. Alle erwarten mit Spannung, wie der neue Landeschef Frank Henkel die Versammlung anspricht. Den Delegierten sollen Empfehlungen der Wahlvorbereitungskommission vorliegen. Die Kommission, die identisch mit dem Landesvorstand ist, wollte ihre Vorschläge am Freitagabend beschließen.

Schon am Dienstag hatten sich Chefs der stärksten West-Berliner Kreise getroffen, um Vorschläge für die ersten sieben Plätze auf der Bundestagsliste zu verabreden. Die „Kungelrunden“ der Kreischefs waren in den vergangenen Wochen heftig kritisiert worden – das kümmerte aber offenbar die meisten Teilnehmer der Runde nicht. Am Freitag gab es darüber im Landesvorstand eine „intensive Diskussion“. Die Liste vom Dienstag sieht Monika Grütters auf Platz eins, den Steglitz-Zehlendorfer Wahlkreisgewinner Karl-Georg Wellmann auf Platz zwei. Danach folgen Ingo Schmitt, Frank Steffel und Kai Wegner. Schmitt muss mit der Neuköllner Kreischefin Gegenkandidatin Stefanie Vogelsang rechnen. Bei der Abstimmung im Landesvorstand am Freitagabend sprachen sich zwölf Mitglieder für Schmitt aus, immerhin neun für Volgelsang. Auf dem sechsten Listenplatz soll Vera Lengsfeld kandidieren. Die DDR-Systemkritikerin will in Kreuzberg-Friedrichshain Wahlkampf machen. Auf Platz sieben will der Wahlkreiskandidat von Tempelhof-Schöneberg, Jan-Marco Luczak, antreten.

Auch über die Kandidatur für das Europaparlament verständigte sich die Dienstagsrunde: Joachim Zeller, Wirtschaftsstadtrat von Mitte und Krisenmanager während der zurückliegenden Chaostage, will und soll auf Platz eins antreten. Für Pflüger sah die Runde Platz zwei vor. Auch diese Abstimmung könnte knapp ausgehen. Als der Vorstand am Freitagabend über seine Empfehlungen abstimmen ließ, votierten elf Mitglieder für Zeller, und acht für Pflüger.

Mit der Runde am Dienstag hatten die Kreischefs der mitgliederstarken West-Verbände bewusst die Empfehlung des CDU-Bundesgeneralsekretärs Ronald Pofalla ignoriert. Er hatte auf dem kleinen Parteitag vor der Runde am Dienstag die Berliner CDU in seltener Deutlichkeit kritisiert und gefordert, die Partei dürfe nicht so weitermachen wie bislang. Allerdings empfahl Pofalla auch, keinen von denen zu bestrafen, die in den vergangenen Jahren Verantwortung für die Berliner CDU getragen hatten. Damit meinte Pofalla wohl, dass Schmitt auf der Bundestagsliste plaziert, jedenfalls nicht abgestraft werden sollte.

Pflüger, so verstanden die Berliner CDU-Leute den Generalssekretär, solle nach Europa geschickt werden. Nun muss sich zeigen, wie ernst die Berliner CDU Pofallas Empfehlung nimmt.

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