Berliner Schulen : Regionalschule auf der Überholspur

Immer mehr Bildungspolitiker fordern schnelle Fusion von Haupt-, Real- und Gesamtschulen. Die Gymnasien sollen eigenständig bleiben.

Susanne Vieth-Entus

In Berlin zeichnet sich eine breite Mehrheit für den direkten Weg zu einem zweigliedrigen Schulsystem ab. Die von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) angeregte Fusion aller Haupt- und Realschulen ohne Gesamtschulen findet kaum noch Unterstützer. Bildungspolitiker von SPD und Linkspartei sagten, sie befürchten eine jahrelange Unruhe im gesamten Schulsystem.

Bislang waren SPD-Linke gegen die Zweigliedrigkeit, weil sie durch diese Festlegung die Chancen für die Gemeinschaftsschule gemindert sahen. Inzwischen gibt es ein Umdenken, auch nach dem Pisa-Ländervergleich, bei dem Sachsen mit seinem zweigliedrigen Schulmodell Spitzenreiter wurde. Die maßgeblichen Fachausschüsse auf Fraktions- und Parteiebene haben sich diese Woche für den direkten Weg hin zur Zweigliedrigkeit ausgesprochen. Das Konzept beinhaltet, dass alle Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu sogenannten Regionalschulen zusammengefasst werden. Daneben soll es nur noch die Gymnasien geben. „Auch ich habe meine Ansicht geändert“, bestätigte die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Felicitas Tesch.

„Das Konzept ist sehr reizvoll“, meint auch Regina Harant, die den Arbeitskreis Bildung in der SPD-Fraktion leitet. In der letzten Sitzung des Gremiums habe sich gezeigt, „dass sich die Entwicklung sehr in Richtung Zweigliedrigkeit wendet“, um einen endlosen Umbau des Schul systems zu vermeiden, berichtet Harant.

„Es ist tatsächlich sehr schwer verständlich zu machen, dass man jetzt integrierte Haupt- und Realschulen gründet, wenn klar ist, dass dies nur ein Übergangsmodell ist“, findet auch der bildungspolitische Sprecher der Linkspartei, Steffen Zillich. Gleichzeitig sieht er aber die Gefahr, „dass man die Schule überlastet, wenn man alles auf einmal macht“.

Um zu klären, welches Vorgehen pragmatischer ist, lässt Zöllner jetzt beide Varianten in Arbeitsgruppen prüfen: Anhand konkreter Bezirke wird die Umsetzung samt Kosten durchgespielt. Dies habe Zöllner mit allen Stadträten besprochen, berichtet Reinhard Naumann, der SPD-Bildungsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf. „Zöllner ist offen für Vorschläge. Das ist die neue Qualität“, lobt Naumann den Senator.

Zu den Sozialdemokraten, die zweifeln, ob Berlin gleich den großen Schritt hin zur Zweigliedrigkeit schaffen kann, gehört Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD). „Dann müsste es einen Ruck geben und ganz viel Geld fließen“, formuliert er als Bedingung. Für jeden einzelnen Standort müsse feststehen, welche Profilbildung, welche Schülerzahl und welche Umbauten zu planen seien. Es geht berlinweit um rund 50 Hauptschulen, 70 Realschulen und 60 Gesamtschulen. Die Gemeinschaftsschulen blieben als Sonderweg bestehen und könnten mit ihren Konzepten auf die Regionalschule ausstrahlen. Geklärt werden muss noch, inwieweit Sonder- und Berufsschulen in die Regionalschule einbezogen werden.“

Ralf Treptow vom Verband der Oberstudiendirektoren hält die große Reform dennoch für machbar. „Die Erfahrung beim Umbau des DDR-Schulsystems hat doch gezeigt, dass es geht“, sagt Treptow, der das Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasium leitet. Jeder Zwischenschritt hingegen bringe Probleme, und man verliere das Ziel aus den Augen. Noch einen entscheidenden Grund nennt Treptow für eine rasche Hinwendung zum zweigliedrigen System: „Die bundesdeutsche Entwicklung geht klar in diese Richtung“. Bis auf Bayern gebe es kaum noch ein Bundesland, dass an der Mehrgliedrigkeit festhalten wolle. „Berlin liegt voll im Trend“, ist sich Treptow sicher.

Diese Ansicht vertritt auch die Opposition. Die Grünen haben sich längst festgelegt, die FDP noch nicht. Die CDU will Anfang 2009 ihren eigenen Vorschlag präsentieren. Ihr Bildungspolitiker Sascha Steuer signalisiert aber „Gesprächsbereitschaft“ für die Zweigliedrigkeit. Zöllner hat somit gute Chancen, die breite Zustimmung zu bekommen, die er bei dieser wichtigen Strukturentscheidung erklärtermaßen für unerlässlich hält.

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