Berliner Wahlkampf : Renate Künast eröffnet grüne Wahlkampfzentrale

Die "Grüne Botschaft" in Mitte ist die Wahlkampfzentrale für die grüne Spitzenkandidatin. Um im September Bürgermeisterin zu werden, gibt sich Renate Künast dabei ungewohnt industriefreundlich.

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Kämpft sie noch oder gewinnt sie schon? Wohl eher ersteres: In den Umfragen stürzten die Grünen in der Wählergunst spürbar ab.Weitere Bilder anzeigen
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09.09.2011 21:33Kämpft sie noch oder gewinnt sie schon? Wohl eher ersteres: In den Umfragen stürzten die Grünen in der Wählergunst spürbar ab.

Die Kommandantenstraße 80 in Mitte beherbergt drei Botschaften: die Botschaft der islamischen Republik Mauretanien, die Botschaft der Republik Simbabwe und seit Mittwoch auch die „Grüne Botschaft“. Diese Aufschrift und daneben ein grüner Bär stehen auf dem Schild am Gebäude. „Das ist der nächste Schritt auf dem Weg zum Roten Rathaus“, sagt Renate Künast, als sie die Wandtafel enthüllt, die die neue Wahlkampf-Kampa symbolisiert. Bis zum 18. September organisieren 30 Mitarbeiter in vier Räumen der Landesgeschäftsstelle den Wahlkampf.

Mehr als eine Million Euro stellt der Landesverband zur Verfügung, hinzu kommen die Beiträge der Bezirksverbände. „Wir führen neben dem herkömmlichen Wahlkampf auch einen Online-Wahlkampf“, sagt Kampa-Chef André Stephan. Vorgestellt wird die Strategie im Juni.

Die Spitzenkandidatin führt als vorübergehende „Hausherrin“ durch die Räume. Mit Joseph Beuys im Nacken und einem Wandkalender im Blick sitzt sie an ihrem Schreibtisch. Stolz ist sie auf das Foto und den Aufruf des 1986 verstorbenen deutschen Künstlers, der als Grünen-Mitglied handschriftlich für eine Grünen-Mitgliedschaft warb. „Ich bin für eine bewusste Beteiligung im politischen Leben“, schrieb Beuys damals.

Bewusst beteiligen wollen sich die Grünen an der künftigen Regierung als stärkste Partei. In sechs Bezirken treten sie mit eigenen Bürgermeisterkandidaten an und wollen die Bürgermeister stellen. „Das können wir erreichen“, sagt Künast siegessicher.

Für die Spitzenkandidatin ist die Eröffnung der Wahlkampfzentrale am Mittwoch ihr dritter Termin nach einem Schulbesuch in Lichtenberg und einem Frühstück beim Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) im Ludwig-Erhard-Haus. Rund 120 Gäste und Mitglieder des 1879 gegründeten Wirtschaftsclubs warten gespannt auf die Ausführungen der Berliner Spitzenkandidatin eines Landesverbandes, der früher nur wenig politische Ambitionen hatte, sich wirtschaftsfreundlich zu zeigen.

Das ist in diesem Wahljahr anders. Neben Bildung, Klimaschutz gehören Arbeit und Wirtschaft zu den Kernthemen der Partei. Künast referiert darüber, ob die Grünen „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen sind. „Ja, wir sind dort angekommen“, sagt sie, „in einer Mitte, die sich bewegt, interessengeleitet und werteorientiert ist und sich mit Zukunftsproblemen befasst“.

Berlin könne mehr als nur „Hartz-IV-Hauptstadt“ sein. Künast fordert Konzepte für den Ausbau der Gesundheitswirtschaft, für den Standort Tegel als „Solarcity“ mit industrieller Fertigung und für „kreative Netzwerke“. Sie sei „bereit, mich um Ideen zu kümmern“. Sie setzt nicht nur auf Dienstleistung, sondern auf die Schaffung von Industriearbeitsplätzen. „In Berlin muss industriell wieder investiert werden.“ Das kommt bei den Zuhörern gut an. „Die Industrie braucht Chancen in der Stadt“, sagt zum Beispiel VBKI-Mitglied und Pensionär Wolfgang von Eckartsberg. Die Politik müsse sich weg vom Dienstleistungskonzept der vergangenen 20 Jahre bewegen.

Künast betont die „grünen Chancen für Berlin“ wie die energetische Gebäudesanierung oder die Einführung von Öko-Zertifikaten im Tourismus. Bei der Entwicklung der Elektromobilität reiche es nicht aus wie es der Senat wolle, „Berlin zur Teststrecke“ für Elektroautos zu machen, sondern E-Mobility, erneuerbare Energien und Mobilitätskonzepte zu verbinden. Aber statt über den Ausbau der A 100 wolle sie über Alternativen diskutieren. Und sie sagt, dass unter den Grünen die Gewerbe- oder Grunderwerbssteuer wohl nicht gesenkt wird.

Ihr Auftritt ruft durchweg positive Reaktionen hervor. „Sie ist engagiert und frech genug, Paroli zu bieten“, sagt Vivantes-Chefärztin Aglaja Stöver. Ein anderer Gast, der namentlich nicht zitiert werden möchte, findet Künast „pragmatisch, problemorientiert und staatsfreundlich – und positiver als ich dachte. Vielleicht brauchen wir so etwas in Berlin“.

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