Berlins Regierender Bürgermeister : Klaus Wowereit: Der Weiterstreber

Am Montag startet Klaus Wowereit wieder seine Tour durch die zwölf Bezirke. Ein Ritual aus der Zeit, da die Kaiser von Pfalz zu Pfalz zogen, ständig in Sorge, ihnen könne die Macht im Reich entgleiten. Das will Klaus Wowereit unbedingt verhindern. Noch braucht er Berlin.

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Klaus Wowereit. Sein Amt, sein Ort, sein Plan. -Foto: Zenit

Der Mann hält die Füße nicht still. Oben herum wirkt Klaus Wowereit ruhig und gefasst, die Hände über dem Bäuchlein gefaltet, das er sich anregiert hat. Mal huscht ein spitzbübisches Lächeln über die Lippen, mal schaut er staatsmännisch ernst. Aber unter dem Tisch wippen die schwarz beschuhten Füße auf und ab, hin und her. Mal auf den Hacken, mal auf den Fußspitzen vollführt er einen heimlichen Tanz. Dann kreuzt der Regierende Bürgermeister die Beine, damit sie nicht weglaufen können, aus dem Ernst-Heilmann-Saal des Abgeordnetenhauses, wo der Kulturausschuss tagt. Ein lästiger Pflichttermin.

Wowereit, der auch Kultursenator ist, wird im Ausschuss gefragt, was aus der Skulptur vor dem Internationalen Congress Centrum geworden ist, die seit fünf Jahren in einer Messehalle verstaubt. Was passiert damit? „Ich frage auch ständig danach“, sagt er und: „Ich mache Druck.“ Doch die Abgeordneten glauben ihm nicht. Nicht nur sie haben den Eindruck, dass Berlins Regierungschef nicht immer bei der Sache ist, vieles nicht zu Ende bringt, sich Zeit lässt mit der Lösung von Problemen. „Der Mensch baut seine Stadt“ heißt die verschwundene Skulptur. Baut Wowereit noch an Berlin?

Seit dem 16. Juni 2001 regiert er die deutsche Hauptstadt. Seit 3201 Tagen. Im Herbst nächsten Jahres, wenn sich der SPD-Mann zum dritten Mal den Wählern stellt, wird er länger im Amt sein als sein großes Vorbild Willy Brandt. Auch länger als der Sozialdemokrat Klaus Schütz, der einst im Zuge von Finanzskandalen aus dem Amt schied. Nur Wowereits Amtsvorgänger Eberhard Diepgen, dessen CDU die Stadt in den 80er und 90er Jahren prägte, war ausdauernder. Ansonsten haben seit der Stein’schen Städtereform 1809 nur vier Berliner Oberbürgermeister eine längere Amtszeit zu bieten als Wowereit.

Wer so lange dabei ist, dem droht der Verschleiß. Auch Wowereit spürt es schmerzlich, dass ihm das Wahlvolk allmählich die Zuneigung entzieht. Ende Februar stürzte er in einer Umfrage des Instituts Forsa auf den siebten Platz ab, während sich seine Partei auf 25 Prozent verbesserte. Das war kein Ausrutscher, das lag im Trend.

Bis vor wenigen Monaten noch stand er immer ganz oben, geradezu naturgemäß, jetzt schubsen die Berliner ihren „Wowi“ vom Sockel. Gewiss nicht nur, weil er auf den Vorschlag, das Technische Hilfswerk gegen Eis und Schnee auf den Bürgersteigen einzusetzen, mit dem schnoddrigen Satz reagierte: „Wir sind hier nicht in Haiti.“ Und doch war das ein Paradebeispiel dafür, wie sich ein Mann aus dem Volk vom Volk entfernt.

Der Sohn einer alleinerziehenden Arbeiterfrau aus dem Süden Berlins, der sich mit Ehrgeiz, Talent und Glück nach oben boxte. Geboren 1953 und seit früher Jugend von einem unbändigen Aufstiegswillen getrieben. Die unruhigen Füße, immer auf dem Sprung. So hat er sich etabliert in der Welt der großen Politik und auch der Reichen und Schönen, der Akteure des internationalen Kultur- und Mediengeschäfts, mit denen er auf Du und Du ist. Ein Machtmensch – und einer, der Spaß haben will. Der anspricht und Ansprache braucht. Der seine Eitelkeit sorgfältig pflegt. Bei der Echo-Verleihung in Berlin trat er als charmanter Laudator auf – für Jan Delay, dessen neuester Song „Hoffnung“ heißt. Im schwarzen Anzug, ganz seriös, erfüllte Wowereit genussvoll seine Rolle.

Es muss ein besonderes Gefühl sein, wenn man so lange regiert, obwohl Politik oft nur in kurzen Rhythmen lebt. So tingelte Wowereit vor zwei Wochen zum neunten Mal über die Internationale Tourismusbörse und sagte im Foyer dem fünften Bundeswirtschaftsminister Guten Tag. Dieses Mal war es Rainer Brüderle, vorher Karl-Theodor zu Guttenberg, Michael Glos, Wolfgang Clement, Werner Müller ... Kanzler und Minister, Senatoren und Oppositionsführer defilierten über die Jahre vorbei, nur einer blieb: Klaus Wowereit. Das stärkt sein Gefühl, ein Fels in der Brandung zu sein, nicht unantastbar, aber unverrückbar. Zusammen mit Brüderle schüttelte er die Hände musizierender Peruaner, neigte huldvoll den Kopf und ging seiner Wege. Früher hat er sich, mit einem riesigen Sombrero auf dem Kopf, lachend in Pose geworfen. Jetzt überwiegt der Staatsmann: Regierender Bürgermeister der deutschen Hauptstadt, Vize-Parteichef der SPD und als Bevollmächtigter für deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit in die Bundesregierung eingebunden.

Das ist schon was, aber nicht genug. Klaus Wowereit hat noch was vor: Er will in die Bundespolitik. Der heimliche Traum ist die Kanzlerschaft.

Und der Berliner SPD-Mann weiß nur zu gut, dass er deshalb für die Wahl in Berlin 2011 alle Kräfte bündeln muss. Nur mit einem achtbaren Ergebnis wird er wenigstens den Hauch einer Chance haben, die Bundes-SPD 2013 als Spitzenkandidat in den Wahlkampf zu führen.

Doch momentan wirbt der gebürtige Berliner vergebens um die Gunst der Wähler. „Ihm fehlt die Tatkraft“, sagte der Forsa-Chef Manfred Güllner. Auch CDU, Grüne und Liberale werfen dem Regierenden vor, dass er die Lust verloren habe, zu gestalten. Doch das ist die Opposition, die muss so etwas sagen. Schwerer wiegt es schon, wenn der Verein der Berliner Kaufleute und Industriellen früh um acht zu einem Business Breakfest ins Ludwig-Erhard-Haus einlädt, um der Frage nachzugehen: „Keine Alternative zu Wowereit?“ Bei Kaffee, Müsli und Croissants schimpfte Geschäftsführer Udo Marin auf den rot-roten Senat mit den Worten, dies sei „eine Regierung, der Kraft und Ideen ausgegangen sind“. Verbunden mit dem Hinweis, dass es 2011 „Chancen für eine bürgerliche Mehrheit in der Stadt“ gebe. Die geladenen Unternehmer klatschten zufrieden.

Der gescholtene SPD-Mann will ja nun alles besser machen. Es war im November, als ein Ruck durch Wowereit ging, der noch im Mai 2009 beim Plausch auf dem SPD-Landesparteitag sagte: „Ich muss das nicht haben, das mir alle auf der Nase herumtanzen.“ Es war der Ausdruck eines heftigen Unlustgefühls. Wowereits Pläne, in die Bundespolitik aufzusteigen, waren ins Stocken geraten. Er kam am Trio Müntefering, Steinmeier und Steinbrück nicht vorbei, die für Rot-Rot in Berlin nichts übrig hatten. Erst die Bundestagswahl, die für die SPD in einem Desaster endete, öffnete ein neues Türchen zum Glück. Sogar der Parteivorsitz wurde ihm angetragen, aber Wowereit gab sich mit der zweiten Reihe zufrieden, das mahnende Beispiel der Amtskollegen Kurt Beck und Matthias Platzeck vor Augen, die der doppelten Last als Regierungs- und Parteichef nicht standhielten.

Wowereit setzt sich stattdessen im Dezember mit Freund Müller unter den Weihnachtsbaum. Und sie schrieben gemeinsam ein Thesenpapier, das auf der Jahresklausur der SPD-Abgeordnetenhausfraktion Ende Januar im verschneiten Eisenach Furore machte. „Arbeit, Bildung, soziale Gerechtigkeit – Berlin nach vorne bringen.“ Die glänzenden Augen der Genossen muss man gesehen haben. „Der Klaus hat gesagt, er habe wieder Lust am Regieren!“ Der rührende Satz machte sofort die Runde und hob die Stimmung im Hotel Thüringer Hof. Derweil saß der Regierende lustig am Tresen und trank mit Berliner Unternehmern ein Bier, die zufällig in Eisenach waren. Der fröhliche Abend endete spät bei einer Runde Skat, die Wowereit verlor. Er maulte. Er verliert nicht gern. Aber morgens um sieben Uhr war er wieder munter. Immer auf den Beinen, immer auf dem Sprung.

Die Schieflage ist also erkannt, und Wowereit versucht mit allen Mitteln, sich breiter aufzustellen und wieder Bodenhaftung zu finden. Auf einmal ist er überall dabei. Beim deprimierenden Nürnberg-Spiel von Hertha BSC. Morgens um sechs auf dem Betriebshof der Stadtreinigung, verkleidet mit einem Wollpullover. Zwischendurch wirft der SPD-Vizechef dem Außenminister Guido Westerwelle Populismus und dem Innenminister Thomas de Maizière Dilettantismus vor, ermahnt die katholische Kirche, schimpft mit Bahnchef Rüdiger Grube und handelt mit den Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes einen Tarifabschluss aus, bevor er in den Botanischen Volkspark nach Pankow eilt, um Gewächshäuser zu eröffnen. Am heutigen Montag startet das Stadtoberhaupt eine Besuchstour durch die zwölf Bezirke. Ein „Dialog mit den Bürgern“, beginnend in Mitte: Europaschule, Leopoldplatz, Arbeitsessen im Türkisch-Deutschen Zentrum, Volkshochschule, Gespräch mit Quartiersräten. Ein Ritual, entliehen aus jener Zeit, als die Kaiser von Pfalz zu Pfalz zogen, ständig in Sorge, dass ihnen die Macht im zerstrittenen Reich aus den Händen gleiten könnte.

Aber noch ist er der Chef, und weit und breit ist niemand zu sehen, der Wowereit das Wasser reichen könnte. Das weiß er. Wie er da sitzt, in der Plenarsitzung des Landesparlaments, in der ersten Reihe. Den Ellbogen über der Stuhllehne, raumgreifend, plaudernd und lachend mit dem Wirtschaftssenator Harald Wolf. SPD-Chef Müller kommt hinzu mit ernsten Fragen, Innensenator Ehrhart Körting grüßt von Weitem, Parlamentspräsident Walter Momper schüttelt Wowereits Hand, Sozialsenatorin Carola Bluhm hockt sich für ein kurzes Gespräch zu ihm. Nach den Audienzen vertieft sich der Regierungschef in die Akten, Zeigefinger am Ohr, Mittelfinger am Mund. Aber die zappeligen Füße wollen längst woanders hin.

Zum Beispiel in die Schule. Vor einer Woche besuchte er das Albrecht-Dürer-Gymnasium in Neukölln, er redet gern mit Kindern. Dort verwaltet ein Parteifreund den Bezirk, der inzwischen fast populärer sein dürfte als der Besucher aus dem Roten Rathaus: Bürgermeister Heinz Buschkowsky, 61, gedrungene Gestalt, drängende Sätze, die oft bundesweit zu hören sind. Volksnah, pragmatisch, manchmal populistisch. Nein, Buschkowsky soll nicht – und will nicht – Regierender Bürgermeister werden, aber es gibt vereinzelte Bestrebungen, das sozialdemokratische Granitgestein im Juni zum Vize-Chef der Landes-SPD zu machen.

Die Personalie zeigt, dass in der Berliner SPD, die zum linken Flügel der Bundespartei zählt, die Einsicht wächst, auch in der Mitte der Gesellschaft um jede Stimme kämpfen zu müssen. Nur so kann im Herbst 2011 eine Wahl gewonnen werden. Die Genossen begreifen allmählich, dass es nicht mehr reicht, sich auf Wowereit zu verlassen, ihrem Zugpferd droht ein Ermüdungsbruch. Am kommenden Wochenende startet die Landes-SPD in eine Serie von „Ideenkonferenzen“, um ihr Profil zu schärfen. Erstes Thema: Integration und Teilhabe. Zusammenfassung und Ausblick: Klaus Wowereit, der auch die Zukunftswerkstatt Integration der Bundes-SPD leitet. So wie er vor der Bundestagswahl die Metropolenkommission der Partei führte, dessen Abschlussbericht in den Straßenschluchten der deutschen Großstädte verhallte. Sein Problem ist, dass er für politische Ziele nur selten mit großer Herzenslust und nachhaltig fechtet. Der Klimaschutz beispielsweise hat ihn nie besonders interessiert. Jetzt ist er auf einmal Chefsache. So wie Integration und demographischer Wandel, Tourismus und Mediaspree, Industriepolitik und Wissenschaft, S-Bahn und Frühjahrsputz.

Die Konkurrenz wittert Morgenluft. Union, Grüne und Linke wollen zur Wahl 2011 eigene Bürgermeisterkandidaten aufstellen, in der Hoffnung, an der SPD vorbeizuziehen und den Regierenden zu stellen. Das wäre der Super-GAU für die Sozialdemokraten. Wowereit und Müller müssten womöglich ihren Abschied nehmen. In aller Munde ist Renate Künast, Gründungsmitglied der Alternativen Liste in Berlin, jetzt Grünen-Fraktionschefin im Bundestag. Vertraute sagen: „Klar, die Renate tritt an, die brennt doch darauf.“ Eine Frau als Berliner Stadtoberhaupt? Das war zuletzt 1947/48 die Sozialdemokratin Louise Schroeder. Auf der Gedenkfeier zu ihrem 50. Todestag war Künast dabei – eingeladen von Klaus Wowereit.

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