Bevölkerung : Berlin zieht die Jugend an und vergreist dennoch

Die Zahl der Einwohner wird nach einer Prognose des Senats bis 2030 leicht wachsen. Trotz junger Zuwanderer steigt das Durchschnittsalter in der Stadt.

Stefan Jacobs

Prenzlauer Berg mag hip sein, aber der ganz große Boom wird weiter draußen stattfinden. Im Nordosten von Pankow beispielsweise, wo noch reichlich Platz zum Wohnen vorhanden ist. Vor allem dort werde das 13-prozentige Einwohnerplus generiert, das die Verwaltung bis zum Jahr 2030 in jenem Bezirk erwarte, sagte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Mittwoch bei der Präsentation der Bevölkerungsprognose, laut der Pankow die meisten Einwohner hinzugewinnen wird. Auch andere Ostbezirke sowie die Innenstadt und der Südwesten sollen wachsen.

Dagegen wird die Einwohnerzahl von Reinickendorf und Spandau deutlich sinken. Betroffen sind nicht unbedingt die ganzen Bezirke, sondern eher einzelne Kieze, sagte Junge-Reyer. Der knapp sechsprozentige Rückgang in Reinickendorf liege außerdem „nicht daran, dass der Bezirk nicht attraktiv wäre“. Schon jetzt lebten dort relativ viele ältere Paare und wenige jüngere Menschen. Die Alterung wirke sich stärker aus als Abwanderung. Ähnlich sei die Lage im südlichen Tempelhof-Schöneberg, etwa in Lichtenrade. Besonders ausgeprägt ist die Verschiebung innerhalb von Marzahn-Hellersdorf, das laut der Prognose den größten Schwund bereits überstanden hat. Das noch erwartete rund einprozentige Minus ist ein Mittelwert, der sich aus kräftiger Fluktuation in den Plattenbauvierteln und weiterem Zuzug im Süden des Bezirkes ergeben soll: Die von Einfamilienhäusern geprägten Ortsteile wie Mahlsdorf und Kaulsdorf werden weiter verdichtet und bleiben beliebt.

Die soziale Lage einzelner Kieze ist nach Auskunft von Junge-Reyer nicht in die Prognose eingegangen. In nächster Zeit sollen die Daten kleinräumig aufbereitet und den Bezirken zur Verfügung gestellt werden. Sie dienen auch als Planungsgrundlage für soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen.

Für die Gesamtstadt zeichnen sich zwei klare Trends ab: Die Zahl der Alten wird zunehmen, und die Bevölkerung kann nur dank stetiger Zuwanderung noch wachsen. Mit rund 60 000 zusätzlichen Einwohnern rechnen die Fachleute für 2030; das entspricht einem Plus von 1,7 Prozent. Im Idealfall – bei überdurchschnittlichem Wirtschaftswachstum und raschem Komplettumzug der Bundesregierung – sollen sogar 3,6 Millionen Einwohner möglich sein, was einem fünfprozentigen Plus entspräche. Läuft es dagegen denkbar schlecht, wäre auch ein Rückgang auf unter 3,3 Millionen Einwohner möglich – also ein Minus von etwa drei Prozent.

Die Entwicklung hängt maßgeblich davon ab, wie viele Auswärtige nach Berlin ziehen werden. Laut Junge-Reyer „wird die Stadt immer internationaler“. Bei den ausländischen Einwanderern dominierten nicht mehr einzelne Staaten wie einst die Türkei oder Jugoslawien. Stattdessen kämen die Neuberliner jetzt aus allen Teilen der EU ebenso wie aus Amerika und aus Fernost. Für wesentliche Gründe halten Fachleute zum einen das weltoffene Image der Stadt und zum anderen die Gebührenfreiheit der Berliner Hochschulen, zumal die Zahl der 18- bis 35-Jährigen zuletzt um 20 000 pro Jahr gewachsen ist. Das wiederum stützt die Geburtenrate, die langfristig stabil bleiben soll.

Dass der Durchschnittsberliner trotzdem immer älter wird, liegt vor allem an der stark wachsenden Zahl der Hochbetagten. Während zurzeit rund 140 000 Berliner älter als 80 Jahre sind, sollen es 2030 fast 260 000 sein – mit kräftig steiggender Männerquote. Für Marzahn-Hellersdorf rechnen die Planer sogar mit dreimal so vielen Hochbetagten, für Lichtenberg mit doppelt so vielen. In den Citybezirken wird die Alterung dagegen durch junge Zuwanderer gedämpft. Das durchschnittliche Alter der Berliner soll von heute 42,5 auf 45,3 Jahre steigen.

Die Konsequenzen aus der Prognose werden zurzeit in einem „Demografiekonzept“ erarbeitet, das im kommenden Frühjahr vorgelegt werden soll.

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