Bilanz : Klassenziel knapp erreicht

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) blickt auf sein erstes komplettes Berliner Schuljahr zurück. Seine Bilanz:

Susanne Vieth-Entus

Berlin Das erste komplett von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) organisierte Schuljahr geht zu Ende. Manches lief schief, anderes scheint auf dem richtigen Gleis zu sein. Eine Bilanz vor der Zeugnisvergabe am Dienstag.

LEHRERVERSORGUNG

Die gute Nachricht zuerst: Es gibt in diesen großen Ferien kein „Lehrercasting“ mehr, bei dem vor lauter akutem Personalmangel auch schwache Bewerber genommen werden müssen. Diesmal sieht es tatsächlich so aus, als sei gerade noch rechtzeitig mit den Einstellungen begonnen worden. So klappte es, dass immerhin 37 Neulinge, die ihr Referendariat mit eins abgeschlossen haben, angenommen wurden. Und es kamen sogar 44 Bewerber aus anderen Bundesländern, was jene Lügen straft, die behaupten, Berlins Besoldung sei unattraktiv. Insgesamt wurden dieses Jahr 676 Lehrer neu eingestellt. Ein weiteres Plus für Zöllner ist die neue „Lehrerfeuerwehr“ mit 140 fest angestellten Pädagogen.

MIGRANTENFÖRDERUNG

Bei seinem Amtsantritt vor eineinhalb Jahren betonte Zöllner die „Chancen“, die die Migration biete. Das Einzige, was er aber im Hinblick „Migrantenförderung“ verändert hat, bedeutete eine Verschlechterung: Zöllner kassierte die gerade erst hart erkämpfte Regelung, wonach bei hoher Migrantenquote nur 20 Lernanfänger in einer Klasse sitzen müssen. Jetzt dürfen die Bezirke wieder bis zu 26 Kinder zuteilen – was sie auch tun. Da hilft es auch nichts, dass jede Menge Zusatzförderung gewährt wird: Fachleute halten es für ein Risiko, Lernanfänger in so großen Gruppen zu unterrichten, zumal die Berliner Migranten oft aus bildungsfernen Elternhäusern kommen.

JAHRGANGSÜBERGREIFENDES LERNEN

Als Zöllner, der vorher lange Jahre Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz war, nach Berlin kam, waren durch das neue Schulgesetz die meisten Weichen schon gestellt, wozu auch die verpflichtende Jahrgangsmischung der Erst- und Zweitklässler gehört. Angesichts der großen Widerstände in vielen Kollegien tat er das einzig Richtige und gewährte den Schulen Aufschub.

KRISENMANAGEMENT

Der Grund für die Mathe-Panne beim Mittleren Schulabschluss ist noch immer nicht klar. Klar ist aber, dass Zöllners Krisenmanagement funktioniert hat: Im Nachhinein betrachtet war es richtig, die Arbeit erneut schreiben zu lassen, denn die Zahl der Schüler, die die Aufgaben vorher kannten, war zu groß. Dass die Wiederholungsprüfung schwieriger war, hätte aber nicht passieren dürfen. Immerhin entschärfte Zöllner auch diese Situation, indem er die Benotung weniger streng ansetzen ließ.

PERSONALIEN

Ähnlich wie Vorgänger Klaus Böger versteht Zöllner es, gute Fachleute einzubinden. So wie dieser einst Hauptschulfachmann Siegfried Arnz ins Haus holte, holte Zöllner den erfahrenen Gewerkschafter und Schulleiter Erhard Laube. Der Umbau der Verwaltungsstruktur hat viele Ressourcen geschluckt – die bei der Organisation des Schuljahres fehlten.

WIDERSACHER

Zöllner hat nicht nur die Opposition gegen sich, sondern auch Landeselternsprecher André Schindler. Der hatte ihn erst gelobt. Kaum aber war klar, dass Zöllner Schindlers Idee einer zentralen „Ombudsstelle“ nicht aufgreifen wollte, begann Schindlers Kehrtwende. Er hat seine Kritik derart überzogen, dass sogar der Landesschulbeirat auf Distanz geht, dessen Vorsitzender auch Elternvertreter ist.

DRAHT ZUM SENAT

Der Hauptvorteil Zöllners gegenüber seinen Vorgängern ist sein größeres Ansehen im Senat. Selbst sein schärfster Kritiker, Gerhard Schmid vom Bund Freiheit der Wissenschaft, bescheinigt ihm, „durchsetzungsfähig“ zu sein. Nur deshalb habe Zöllner jetzt noch die vielen neuen Lehrer einstellen können und die Möglichkeit erhalten, 200 weitere Erzieher zu finanzieren. Da es im Bildungsbereich bundesweit kaum jemanden gibt, der profilierter als Zöllner ist, weiß auch die SPD-Spitze: Wenn nicht einmal Zöllner es schafft, die Berliner Schule in ruhiges Fahrwasser zu bringen, dann schafft es keiner.

AUSBLICK

Das nächste Schuljahr wird nicht leichter: Zöllner muss die Weichen für die Abschaffung der Hauptschule stellen, ohne die Gymnasien preiszugeben. Dies aber läuft aufs Hamburger Zweisäulenmodell hinaus, das weder Linkspartei noch SPD-Linke wollen. Und er muss die Lehrerfortbildung von Grund auf reformieren, um auf das verheerende Ergebnis der Schulinspektionen zu reagieren.

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