Birthler-Behörde in Frankfurt : Rekordzahl bei Anträgen auf Stasi-Akteneinsicht

Immer mehr Bürger wollen ihre Vergangenheit entschlüssel: Die Anfragen bei der Behörde für Stasi-Unterlagen haben neue Rekordstände erreicht. Ein Pilotprojekt soll die Rekonstruktion zerrissener Dokumente deutlich beschleunigen.

Jörg Schreiber[ddp]
stasi unterlagen
Meterweise Akten lagern in der Behörde für die Stasi-Unterlagen und ihren Außenstellen. -Foto: dpa

Frankfurt (Oder)Mehr als 5240 Anträge von Bürgern auf Akteneinsicht sind im vergangenen Jahr bei der Frankfurter Außenstelle der Birthler-Behörde eingegangen. Das sei die höchste Zahl seit zehn Jahren, sagte Leiter Rüdiger Sielaff am Montag. 2007 seien es etwa 5100 gewesen, in den Vorjahren meist um 3000. Hinzu kamen 2008 etwa 850 Anträge auf Entschlüsselung von Decknamen. Seit 1992 seien insgesamt mehr als 151.700 Anträge eingegangen. Die einzige Brandenburger Außenstelle ist für die ehemaligen DDR-Bezirke Frankfurt (Oder) und Cottbus zuständig, die Akten aus dem Bezirk Potsdam liegen in Berlin.

Auch für dieses Jahr werde im Zusammenhang mit dem 20. Jahrestag der Wende eine ähnlich hohe Zahl von Anträgen wie 2008 erwartet, sagte Sielaff. Viele Menschen hätten offenbar zeitlichen Abstand gebraucht, ehe sie sich jetzt Gewissheit verschaffen wollten, ob und wie die Stasi ihre Biografie beeinflusst hatte. Viele Bürger seien zudem nicht bereit, das "Weichspülen von DDR-Vergangenheit" zu akzeptieren und würden ihren Antrag auch als "Beitrag gegen Geschichtsklitterung" verstehen. Die Außenstelle habe auch ihre Bildungsaktivität verstärkt, um insbesondere Schüler über die DDR zu informieren und die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur zu verdeutlichen.

Zerrissene Akten werden langsam wieder zusammen gefügt - per Hand

Sielaff bedauerte in diesem Zusammenhang, dass Brandenburg als einziges ostdeutsches Bundesland keinen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen habe. In den Archiven der Frankfurter Außenstelle lagern nach seinen Angaben 7700 laufende Meter Stasi-Akten und 1,67 Millionen Karteikarten. Hinzu kämen 1550 Säcke mit zerrissenen Stasi-Dokumenten. Das sei rund ein Zehntel des Gesamtbestands von mehr als 15.000 Papiersäcken bei der Birthler-Behörde. Bisher seien in der Frankfurter Außenstelle durch manuelle Rekonstruktion rund 260 Sachakten wiederhergestellt worden, in ganz Ostdeutschland sind es rund 900.000 rekonstruierte Seiten.

Rekonstruktion der Akten soll mit Hilfe von Computer vereinfacht werden

Mit manueller Rekonstruktion würde man Jahrhunderte brauchen, sagte Sielaff und fügte an: "Deshalb hoffen wir auf die virtuelle Rekonstruktion der Fragmente." Derzeit laufe ein Pilotprojekt der Birthler-Behörde gemeinsam mit dem Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, bei dem die Schnipsel eingescannt und von einem neuen Computerprogramm selbstständig zusammengesetzt werden. Ziel sei, in der Pilotphase bis Mitte 2010 den Inhalt von etwa 400 Säcken zu rekonstruieren.

Am Samstag lädt die Außenstelle von zehn bis 19 Uhr zu einem "Tag der offenen Tür" mit stündlichen Archivführungen sowie mit Vorträgen ein. So wird der Leiter des Projekts zur virtuellen Rekonstruktion zerrissener Stasi-Akten beim Fraunhofer-Institut, Jan Schneider, über "Das größte Puzzle der Welt" sprechen.

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