Brandbrief an Wowereit : Charité-Ärzte fordern Erhaltung des Bettenhauses

Einen nicht mehr gut zu machenden Verlust für Krankenversorgung, Forschung und Studenten befürchten leitende Ärzte der Charité. Sie warnen davor, in Mitte einen Neubau zu errichten anstatt das Bettenhochhaus zu sanieren.

Justin Westhoff

Einen nicht mehr gut zu machenden Verlust für Krankenversorgung, Forschung und Studenten befürchten leitende Ärzte der Charité. In einem Brandbrief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) warnen 18 Hochschullehrer und Klinikleiter davor, am Charité-Standort in Mitte einen Neubau zu errichten, anstatt das Bettenhochhaus zu sanieren. In informierten Kreisen hatte es geheißen, die Neubauvariante sei beschlossene Sache. Stattdessen verlangen die Unterzeichner nun: „Geben Sie der Charité die Entscheidungsfreiheit.“

Aus dem vertraulichen Brief, der dem Tagesspiegel vorliegt, geht ein weiteres Detail hervor: Der Senat habe dem Klinikvorstand zugesagt, zusätzliche Millionenbeträge bereitzustellen, dies allerdings nur für den Neubau und nicht für die Sanierung des Bettenturms. Nach internen Informationen soll es sich dabei um 40 Millionen Euro handeln. Derzeit verfügt die Charité über 3200 Betten, von denen etwa 500 abgebaut werden sollen. Während die Klinikstandorte in Wedding und Steglitz keine oder nur wenige Plätze opfern sollen, gehen nach jetzigen Plänen dem Campus Mitte angeblich 400 der rund 1100 Betten verloren, also womöglich mehr als ein Drittel. Dies würde auch eine deutliche Verringerung von Forschung, Lehre und Behandlungskapazitäten bedeuten, hieß es. So ist nach Angaben der Hochschullehrer auch eine Reduktion der Operationssäle um 30 Prozent geplant.

Der „Erhalt ausreichender Behandlungskapazitäten am Standort Mitte“ sei aus mehreren Gründen zwingend, erklären die Unterzeichner des Briefes. Gerade erst wurde mit dem Neubau für die Vorklinik „am historischen Campus der Charité in Mitte“ begonnen, um theoretischen und praktischen Unterricht enger zu verzahnen – genau dies ist nun nach Ansicht der Autoren in Gefahr. Ebenso gefährde die Verkleinerung des Campus Mitte „die verlangte und geplante Schwerpunktbildung“ an den drei Charité-Standorten, weil diese „keine beliebige Verschiebung von Kapazitäten“ erlaube. Auch Pläne des Senats, Berlin als internationalen Medienstandort auszubauen, seien in Gefahr. Nicht zu verstehen sei, warum die für den Neubau möglichen zusätzlichen Millionen „nicht auch bei einer Sanierung des Hochhauses bereitgestellt werden können, die der Zukunftsfähigkeit der Charité – anders als der viel zu kleine Neubau – Rechnung trägt“. Das „fachlich begründete und allgemein als sachgerechter erachtete Sanierungskonzept“ sei außerdem wirtschaftlicher, heißt es in dem Schreiben an Wowereit.

Diesen Freitag tagt der Aufsichtsrat der Klinik. Das Gremium entscheidet letztlich. Justin Westhoff

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