Landespolitik : Brandt lässt Schröder nicht los

Die SPD gedachte ihres großen Vordenkers und ersten Bundeskanzlers Der Abend im Willy-Brandt-Haus zeigte: Er bleibt die Leitfigur der Partei

Brigitte Grunert

Vor dem Willy-Brandt-Haus demonstrieren Gewerkschafter von Verdi, GEW und GdP. Sie fordern, Berlin dürfe für den öffentlichen Dienst „keine Tarifinsel bleiben“. Auf Transparenten werden Zitate von Walter Ulbricht kurz vor dem Bau der Mauer und von Willy Brandt am 10. November 1989, dem Tag nach der Öffnung der Mauer, bemüht. „Niemand hat die Absicht, eine (Tarif-)Mauer zu errichten.“ – „Berlin wird leben und die (Tarif-)Mauer wird fallen.“

Das wirkt nur auf den ersten Blick ganz witzig. Für den locker ironischen Umgang mit ernsten historischen Zeiten ist im Atrium des Parteihauses beim SPD-Gedenkabend für Willy Brandt kein Platz. Anlass ist der 50. Jahrestag seiner Wahl zum Regierenden Bürgermeister und sein 15. Todestag. Jeder Gast hat ihn hier vor Augen, wiedererkennbar in der rötlich angestrahlten Bronzestatue mit der beschwörenden Handbewegung.

Unter dem Schock des Mauerbaus konzipierte Brandt die Entspannungspolitik, lange ehe er Außenminister und dann Kanzler war. Als die Mauer fiel, vollendete sich sein Lebenswerk, und an diesem Tag „strahlte er von innen heraus“, so Walter Momper. Von all dem ist an diesem Abend viel die Rede, auch von den Diffamierungen, die der Realist und Visionär Brandt wegen seiner Herkunft, seiner Emigration und wegen seiner Ostpolitik von den Konservativen ertragen musste. Hinweise auf Zweifler in den SPD-Reihen, die seine Visionen für Illusionen hielten, fehlen ebenfalls nicht. Altkanzler Gerhard Schröder und drei Nachfolger Brandts im Amt des Regierenden Bürgermeisters, Klaus Schütz, Walter Momper, Klaus Wowereit, singen das hohe Lob auf den Mann, der „Europa verändert“ hat. SPD-Landeschef Michael Müller überrascht gleich zu Beginn mit dem Vorschlag, den Großflughafen Berlin-Brandenburg International nach dem Weltbürger Willy Brandt zu benennen. Nur Egon Bahr fehlt, der engste Weggefährte Brandts. Norwegens König überreicht ihm zur selben Zeit den Willy-Brandt- Preis, eine schöne Genugtuung.

Gerhard Schröder spricht über das Vermächtnis Brandts, das für die SPD Verpflichtung sei. Es hört sich auch wie eine Rechtfertigung seiner eigenen Politik an. Brandt habe weitsichtig die Basis für die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas gelegt. Die Antwort auf die heutigen globalen Herausforderungen sei ebenfalls Friedenspolitik, Konfliktlösung mit politischen Mitteln. Dann schlägt er den Bogen vom frischen Wind der Brandt’schen Reformpolitik zu den Reformen der Agenda 2010, „mit denen wir Verkrustungen in unserer Gesellschaft aufgebrochen haben“. Er freut sich augenzwinkernd über die Lernfähigkeit der Union, wünscht sich aber „ein bisschen Buße vor der Verzeihung“. Auch die Linkspartei bekommt ihr Fett weg. Links bedeute im Geiste Brandts etwas Vorwärtsgerichtetes, sagt Schröder und bescheinigt der Gysi/Lafontaine-Partei, sie sei in Wahrheit rückwärtsgewandt. Deren Vereinnahmung Brandts werde scheitern, wie die Vereinnahmung August Bebels durch die SED scheiterte.

Drei Generationen schildern auf dem Podium ihre Sicht Brandts. Sein Mitstreiter und Freund Klaus Schütz berichtet launig von der ersten Begegnung auf einem Parteitag 1946: „Da kam er wie eine Lichtgestalt. Er war eben anders, er kam aus Skandinavien, für uns war Skandinavien so das Modernste.“ Von Brandts Gabe, „sich in die Herzen zu reden“, allen das Gefühl zu geben, für ein großes Ideal zu leben, ist die Rede. Schütz erzählt Episoden. Beim Spaziergang am Schlachtensee verriet Brandt 1958 wortkarg das damals sehr ferne Ziel, Kanzler zu werden. Schütz tippte auf Carlo Schmid als Kanzlerkandidaten. „Warum Carlo?“, fragte Brandt knapp. „Wenn er später aus Bonn auf Berlin-Besuch war, riefen die Bauarbeiter: ,Willy, komm bald wieder!‘ Das hört man als Regierender Bürgermeister nicht so gern“, sagt Schütz humorig.

Andrea Nahles war gerade ein Jahr alt, als Brandt 1971 den Friedensnobelpreis erhielt. 1990 hat sie ihn in Bonn reden hören: „Er hatte Charisma, und er ließ Zweifel zu, das hat mich beeindruckt. In der heutigen Medienwelt kann man sich ja gar keinen Zweifel mehr leisten.“ Auch Klaus Wowereit hatte persönlich noch gar nicht mit Brandt zu tun, er hat ihn einfach sehr verehrt. Nun kokettiert er ein bisschen: „Brandt war so modern, dass er auch so einen Vogel wie Wowereit ertragen hätte.“ Brigitte Grunert

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