Chancengleichheit : Arme Kinder sollen nicht im Abseits bleiben

Die SPD will geringverdienende und überforderte Eltern in Familienzentren unterstützen, um mehr Chancengleichheit für den Nachwuchs zu erreichen. Auch Lehrer sollen lernen, besser mit der Armut ihrer Schüler umzugehen.

Ferda Ataman

Mehr als ein Drittel der Berliner Kinder wächst unterhalb der Armutsgrenze auf, das sind in Zahlen rund 200 000 arme Kinder. Trotzdem kommt es noch vor, dass Lehrer ihren Erstklässlern Einkaufslisten für das Schuljahr in die Hand drücken, auf denen Pelikanfüller, Faber-Castell-Malkasten und Markensportschuhe aufgezählt werden. „Die vorgeschlagenen Einkäufe können bis zu 300 Euro kosten“, sagt Katrin Hentze, Sozialarbeiterin beim Kinderschutzbund. Hentze erlebt auch, dass Kindertagesstätten Kinder rauswerfen, weil ihre Eltern den Beitrag nicht zahlen können. Oder dass die Eltern in der Kita vor anderen zurechtgewiesen werden, weil sie „schon wieder das Essensgeld nicht bezahlt“ hätten.

Der Berliner Landesverband verlangt daher nachweisliche „Armutskompetenzen“ bei Erziehern, Lehrern, Jugendamtsmitarbeitern und Sozialpädagogen und bietet dafür Fortbildungen an. „Man muss sich aber mehr Gedanken machen, wie man mit der Berliner Situation umgeht“, sagt Hentze. Etwa durch die Einrichtung von Familienzentren in Brennpunktbezirken, in denen Kindertagesstätten auch Schulden- oder Gesundheitsberatung für Eltern anbieten.

Familienzentren sind auch ein Schwerpunkt im Programm der Berliner SPD „Kinderarmut bekämpfen! Gesellschaftliche Teilhabe sichern“, das die Regierungspartei vor kurzem verabschiedet und am Mittwoch vorgestellt hat. Über die Familienzentren will die SPD einen besseren Zugang zu benachteiligten oder überforderten Eltern, sagte die Jugendexpertin der Fraktion, Sandra Scheeres. Allerdings kostet die Umsetzung der Familienzentren Geld, und angesichts der angespannten Haushaltslage wurde das Vorhaben vor einigen Jahren noch auf Eis gelegt. „Wir bleiben aber dran“, sagte Scheeres.

Drei weitere Arbeitsbereiche werden in dem Beschluss aufgezählt: sozialer Aufstieg durch bessere Bildungschancen, Eltern und Kinder umfassender unterstützen und eine familienfreundliche Infrastruktur schaffen. Mittelfristig sollen Anlaufstellen für Familien- und Kinderfragen geschaffen werden, damit Eltern nicht länger zu sieben unterschiedlichen Behörden laufen müssen, um alle wichtigen Anträge für ihr Kind zu stellen.

Der „langfristige Beschluss“ soll nach und nach mehr Chancengleichheit für benachteiligte Kinder im Bildungsbereich herstellen. Wie genau das aussehen soll, müsse in den Ausschüssen nach der Sommerpause „austariert“ werden. Laut SPD-Familienexpertin Angelika Schöttler sei die rot-rote Koalition mit der Bildungsreform und der frühkindlichen Förderung bereits auf einem guten Weg: 2011 werde das letzte der drei Kitajahre gebührenfrei. Und schon jetzt werde in vielen Grundschulen ein Mittagessen für einen Euro angeboten.

Warten, bis politische Programme ziehen, will der gemeinnützige Verein „Gegen-Kinderarmut“ nicht. Der Berliner Verein vermittelt Kindern die Möglichkeit, ins Kino oder in Konzerte zu gehen. Derzeit sammeln sie Musikinstrumente und wollen Musikkurse ermöglichen.

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