Ehemaliges Flughafengelände : Grüne wollen in Tempelhof soziale Stadt bauen

Die Grünen schlagen eine Alternative zu den Plänen des Senats für eine Internationale Bauausstellung auf dem Flugfeld Tempelhof vor. Dabei sollen die Neuköllner Nachbarn stärker einbezogen werden.

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Die Initiative Ideenpool Tempelhofer See will den ehemaligen Flughafen fluten. Entlang des Uferwegs sollen Liegewiesen geschaffen werden.Weitere Bilder anzeigen
Simulation: Ideenpool Tempelhofer See
18.01.2011 11:11Die Initiative Ideenpool Tempelhofer See will den ehemaligen Flughafen fluten. Entlang des Uferwegs sollen Liegewiesen geschaffen...

Die Grünen entdecken das Soziale – und schlagen deshalb eine Alternative zu den Plänen des Senats für eine Internationale Bauausstellung (IBA) auf dem Flugfeld Tempelhof vor. „Die ganze Stadt ist durchsaniert worden“, sagte der Fraktionschef der Grünen im Abgeordnetenhaus, Volker Ratzmann, am Mittwoch, „nur Nord-Neukölln ist hinten runtergefallen.“ Die IBA sei eine „Riesenchance“, diese Entwicklung zu korrigieren – durch eine sozialverträgliche energetische Sanierung der vorhandenen Bausubstanz und eine Stärkung der Kiezstruktur.

Statt spektakulärer Architektur und polierter Granitfassaden sollten Neubauten auf dem Flugfeld als „Erweiterungsflächen“ für die im Kiez vermissten Betreuungs- und Bildungseinrichtungen dienen und als „neues Wohnen“ für Neuköllner. Auch müssten bei der Sanierung die besonderen Bedürfnisse von türkischen und arabischen Einzelhändlern und Kaufleuten berücksichtigt werden. Dazu will man auch die im Kiez vertretenen landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften einspannen: Stadt und Land sowie Degewo.

Das Konzept stammt von der stadtentwicklungspolitischen Sprecherin der Fraktion, Franziska Eichstädt-Bohlig. Wildert man damit geschickt in den Revieren von Linken und Sozialdemokraten, auf deren Parteiprogrammatik ein solches Konzept eigentlich maßgeschneidert wäre? Ratzmann entgegnet darauf: „In der Geschichte der Berliner Grünen hat das Soziale immer schon einen großen Stellenwert gehabt.“ Dieses Profil schärft man nun, mitten im Kiez, mit einem eigenen IBA-Konzept: Am kommenden Freitag ab 12 Uhr will man die „IBA für Neukölln“ im Interkulturellen Zentrum Genezareth diskutieren – und in vier Foren bis in den Abend mit Quartiersmanagern, Bildungspolitikern und Haushaltsexperten des Bezirks und des Landes beraten.

Mit ihren Vorschlägen hantieren die Grünen indes auch mit Sprengstoff für ihre eigene Programmatik. Denn die energetische Sanierung des Wohnungsbestandes könnte die Mieterstadt spalten: in diejenigen, die sich teure Ökohäuser leisten können – und jene, die in zugigen Altbauten verharren müssen und dafür auch noch mit hohen Nebenkosten bezahlen. „Wir müssen die baulichen Maßnahmen um soziale Strategien ergänzen“, sagt Eichstädt-Bohlig. Dazu schlägt sie ein Klimawohngeld vor sowie zusätzliche Zuschüsse für ALG-II-Empfänger, die in energiesparenden Wohnungen leben.

Die Grünen hat die Welle der Empörung offensichtlich beeindruckt, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihren Äußerungen ausgelöst hatte, wonach alle Mieter ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten müssten. Ratzmann betont, dass man „die Gegensätze nicht aufeinanderprallen lassen darf“. Das aber sei der Fall, wenn die geplanten Neubauten am Rande des Flugfeldes zum Leitmotiv der IBA würden. „Man weiß doch heute schon, wer dann da wohnen kann, weil er es sich leisten kann, und wo die Grenze verläuft“, sagt er. Und er warnt vor einer solchen sozialen „Differenzierung der Stadt“. Dies müsse man auch bei einem Klimaschutzgesetz für Berlin im Auge haben – und notfalls durch die Streckung von Maßnahmen deren soziale Verträglichkeit sicherstellen.

Deshalb wollen die Grünen die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften und die Investitionsbank des Landes für ihre Ziele einspannen. Auch könnten landeseigene Baugrundstücke per Erbpacht günstig vergeben werden. Die Europäische Union biete außerdem Förderungen an. Und die bundeseigene KfW unterstütze energetische Maßnahmen – auch wenn die schwarz-gelbe Bundesregierung deren Umfang weiter reduzieren will.

Dann spricht Ratzmann noch von einer „freien Form der Gentrifizierung“ seit der Öffnung des Tempelhofer Feldes. Die Wohnqualität in Nord-Neukölln hat sich seit der Öffnung der Brache so stark verbessert, dass der Kiez auch Begehrlichkeiten von Spekulanten weckt – der soziale und baupolitische Kurs der Grünen zeigt längst die Umrisse eines Wahlprogramms. Ralf Schönball

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