EMPÖRUNG ÜBER STROMPREISERHÖHUNG : „Das grenzt an Kundenbetrug“

Alle Parteien im Abgeordnetenhaus ermuntern die Verbraucher, von Vattenfall zu anderen Stromanbietern zu wechseln.

Ulrich Zawatka-Gerlach
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Bessere Aussicht? Vattenfall erhöht seine StrompreiseFoto: Imago

Mit neuen Tarifen und höheren Strompreisen ab 1. Juli 2007 hat der Energieversorger Vattenfall nicht nur die Kunden, sondern auch den Senat und die Parteien gegen sich aufgebracht. Von der Linkspartei bis zur CDU empfehlen alle, die Angebote der Konkurrenz zu prüfen und den Stromanbieter zu wechseln, wenn es sich lohnt. Wobei die Grünen und Rot-Rot darum bitten, ein besonderes Augenmerk auf den Ökostrom zu richten, auch wenn dies etwas teurer ist.

Umweltschutz-Senatorin Katrin Lompscher (Linke) wirft Vattenfall vor, mit der Kopplung des neuen „Berlin Klassik“-Tarifs an einen sogenannten Haushalt-Schutzbrief die Preiserhöhung zu verschleiern und die Vergleichbarkeit mit anderen Angeboten zu erschweren. „Der Senat würde es daher begrüßen, wenn die Kunden ihre vertraglichen Beziehungen überprüfen und einen Tarif- oder sogar einen Lieferantenwechsel ins Auge fassen“, sagte Lompscher in der letzten Abgeordnetenhaussitzung. Allerdings sieht die Senatorin – trotz vertiefter Prüfung – keine Möglichkeit, gegen die Preispolitik von Vattenfall juristisch vorzugehen, teilte ein Sprecher der Verwaltung gestern mit.

Die Grünen loben Lompscher. Aber sie fordern den Senat auf, „als großer Stromkunde den Wechsel von Vattenfall zu einem Ökostromanbieter vorzubereiten“. Der Vertrag des Landes Berlin, einschließlich des Parlaments, läuft allerdings erst 2009 aus. Als Großverbraucher (900 Gigawattstunden jährlich) zahlt Berlin im laufenden Jahr etwa 87 Millionen Euro. Vattenfall hatte 2006 nach einer europaweiten Ausschreibung den Zuschlag des Senats erhalten.

Der SPD-Umweltexperte Daniel Buchholz nennt die neue Tarifpolitik Vattenfalls „ungehörig“. Kunden würden in Tarife hineingedrückt, die sie kaum verstehen könnten. Außerdem gelte für die meisten Tarife ab 1. Juli eine sechsmonatige Kündigungsfrist. „Was der Platzhirsch Vattenfall da macht, grenzt an Kundenbetrug“, schimpft Buchholz. Die Verbraucher sollten sich die Angebote der Wettbewerber – vor allem der Ökostrom-Anbieter – anschauen.

Auch der CDU-Abgeordnete Heiko Melzer rät zu einem Wechsel, „wenn der Strompreis bei gleicher Qualität günstiger ist“. Mehr Wettbewerb könne nicht schädlich sein. Noch versorgt Vattenfall in Berlin fast 90 Prozent der zwei Millionen Haushalte. Der FDP-Fraktionschef Martin Lindner verweist zunächst auf die seiner Meinung nach falsche Energie- und Wettbewerbspolitik der großen Koalition im Bund. „Aber als Liberaler sage ich selbstverständlich: Die Kunden sollen kritisch vergleichen und sich das günstigste Angebot aussuchen.“ Leider versteckten sich hinter den vielen kleinen Stromanbietern doch wieder nur wenige Oligopole. „Einen echten Wettbewerb gibt es auf dem Strommarkt nicht.“

Vattenfall hat, wie berichtet, den Berliner Kunden in einem Brief Strompreiserhöhungen angekündigt und ihnen nahegelegt, vom bisherigen „Klassik Plus“-Tarif in den „Klassik Privatstrom“ zu wechseln, inklusive einer Versicherung für den Haushalt. Die Verbraucherzentrale warnt vor dieser Versicherung. Die Leistungen seien stark eingeschränkt, „überflüssig und teils finanziell riskant“. Auf den neuen Öko-Tarif „Berlin Natur“ und die preislich günstigeren Tarife „Berlin Kompakt“ und „Berlin Easy“ (nur online erhältlich) macht Vattenfall in einer Broschüre eher beiläufig aufmerksam.

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