Energie : Erdgaskraftwerk wird zu teuer

Beim Senat schwindet die Hoffnung auf den Bau eines umweltfreundlichen Gaskraftwerks in Lichtenberg. Steigende Preise stützen den Vattenfall-Plan, weiter Kohle zu verfeuern.

Stefan Jacobs

BerlinDer hohe Ölpreis unterstützt die Vattenfall-Pläne, trotz aller Kritik mitten in der Stadt ein klimaschädliches Steinkohlekraftwerk neu zu bauen – samt einem mehr als 100 Meter hohen Kühlturm. Vattenfall gibt einem Erdgaskraftwerk am geplanten Standort an der Spree in Lichtenberg keine Chance mehr. Auch in der Landesregierung schwinden die Erwartungen. Entgegen der Hoffnungen kam nun ein Gutachten für die Umweltverwaltung zu dem Ergebnis, dass die umweltfreundlichere Gasvariante bei den heutigen Energiekosten kaum wirtschaftlich sein kann.

In der vom Öko-Institut erstellten Expertise, die dem Tagesspiegel vorliegt, wurde für die Rohstoffkosten ein „Referenzfall“ mit einem Ölpreis von 60 US-Dollar pro Barrel berechnet. Allerdings ist Öl inzwischen mehr als doppelt so teuer; allein binnen Jahresfrist hat sich sein Preis verdoppelt. Und der Gaspreis ist an den Ölpreis gekoppelt, steigt also ebenfalls stark – auch für Großkunden wie Vattenfall. Steinkohle dürfte dagegen noch lange relativ günstig zu bekommen sein. „Beim heutigen Ölpreis ist die Gas-Variante wirtschaftlich schwer darstellbar“, bestätigt Felix Christian Matthes, Mitautor des Gutachtens.

Ebenso ungewiss wie der künftige Ölpreis ist zurzeit der Preis für die Luftverschmutzung. Das klimaschädliche CO2 darf nach 2013 nicht mehr gratis in die Luft geblasen werden, sondern muss über „Emissionszertifikate“ bezahlt werden. Je teurer sie sind, um so lukrativer wäre die Erdgas-Variante, denn sie würde bei gleicher Strom- und Wärmeleistung nur knapp halb so viel CO2 produzieren wie der Steinkohlebetrieb. Letzterer würde bei der geplanten Kraftwerksgröße bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 pro Jahr in die Luft blasen und wäre damit auf Jahrzehnte hinaus der weitaus größte Klimaschädling Berlins.

Senatorin will über das Kraftwerk vorerst nicht entscheiden

Alles in allem sei die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens zurzeit „von besonders hohen Unsicherheiten geprägt“, schreiben die Gutachter. Für Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) „ist die Konsequenz, jetzt keine Entscheidung zu treffen“. Auch Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka bestätigte vor einigen Tagen, dass noch alles offen sei. Allerdings verkündete ein Vattenfall-Manager auf einer Info-Veranstaltung fast zeitgleich, dass man „eine Steinkohleanlage in der Planung“ habe und Gas nicht bezahlbar sei. Nach Tagesspiegel-Informationen dürfte Vattenfall zumindest den Poker um seinen Kraftwerksneubau in Hamburg abwarten: Dort hat das neue schwarz-grüne Regierungsbündnis als erste Amtshandlung den bereits begonnen Neubau stoppen lassen. Und das, obwohl Vattenfall mit Schadensersatzforderungen über 1,2 Milliarden Euro droht.

Da Vattenfall in Berlin noch keine Baugenehmigung beantragt hat, ist die Ausgangslage hier günstiger. Zwar sieht Senat keine Chance, das Vorhaben allein aus Klimaschutzgründen zu verbieten. Aber Lichtenbergs Baustadtrat Andreas Geisel (SPD) bestätigt, dass die Verschandelung der Stadt durch den Kühlturm ein K.o.-Kriterium sein könnte: „Wenn wir das wollten, könnten wir das“, sagte Geisel auf die Frage nach einem Kühlturm-Verbot. Dessen geplante Höhe hat Vattenfall nach Protesten von 140 auf 105 Meter reduziert. Und Geisel kann sich für das Verbot nicht wirklich begeistern: Zum einen, weil das heutige, „moralisch und technisch verschlissene“ Braunkohlekraftwerk Klingenberg zwar kleiner, aber im Verhältnis zu seiner Leistung noch klimaschädlicher ist. Zum anderen, weil in Lichtenberg auch Fernwärme für rund 400 000 Berliner produziert wird. Die lässt sich – anders als Strom – nicht von außerhalb in die Stadt transportieren.

Trotz all dieser Zwänge hält der Grünen-Energieexperte Michael Schäfer den Senat keineswegs für machtlos: Er fordert ein Programm zur Gebäudedämmung und eines zum Ausbau von Solaranlagen, was den Fernwärmebedarf für Heizung und Warmwasser drastisch senken würde. Außerdem findet Schäfer, „dass Frau Lompscher doch mal mit konkreten Fragen an Vattenfall Druck machen soll.“

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