Entscheidung : Stuttgarter Architekt baut Staatsoper um

Der nächste Schritt bei der Sanierung der maroden Staatsoper ist getan: Der Stuttgarter Architekt HG Merz wird den Umbau vornehmen. Das hat die zuständige Jury entschieden. Der Experte ist erfahren im Umgang mit historischer Bausubstanz in Berlin.

Bernhard Schulz

Einstimmig fallen neuerdings die wichtigsten Berliner Architekturentscheidungen. So auch beim Wettbewerb für die Sanierung und den Umbau der Staatsoper: Aus 21 Bewerbern wählte die Jury treffsicher den Stuttgarter HG Merz aus, einen in Berlin bestens ausgewiesenen Fachmann für den Umgang mit historischer Substanz. Merz hat bereits die Alte Nationalgalerie und das Staatsratsgebäude restauriert, und nach seinem Entwurf wird derzeit die Staatsbibliothek Unter den Linden saniert und mit neuen Lesesälen ausgestattet.

Ein solcher Nachweis war es denn auch, den die Wettbewerbsteilnehmer zu erbringen hatten: ob sie in der Lage seien, ein Projekt wie das der Staatsopernsanierung mit immerhin 239 Millionen Euro vom Bund bewilligten Kosten zu bewältigen. Es gibt also derzeit noch keinen Entwurf des Stuttgarter Büros. Ein Vorentwurf soll allerdings – um die Verzögerung durch das zwischenzeitlich verunglückte Wettbewerbsverfahren aufzuholen – bereits im Sommer der Senatsbauverwaltung vorgelegt werden, mit der Merz am kommenden Montag ein erstes Gespräch führen wird. Wichtiger noch ist die Abstimmung mit Daniel Baranboim, der treibenden Kraft des Umbauvorhabens. Der Generalmusikdirektor strebt nach besserer Akustik, was die Vergrößerung des Zuschauerraumes erfordert. Das gelänge durch die Absenkung von Parkett – und damit auch Orchestergraben und Unterbühnentechnik –, was enorm aufwändig wäre, oder durch die Erhöhung des Daches mit dem möglichen Einzug eines bis zur Kriegszerstörung vorhandenen vierten Ranges. Eine Veränderung der Silhouette des auf Knobelsdorff zurückgehenden Bauwerks lehnt das Landesdenkmalamt bislang jedoch ab. Dabei stammt das jetzige, große Bühnenhaus in seinem Umriss erst aus dem Umbau von 1928. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es dann Richard Paulick, der Anfang der fünfziger Jahre dem völlig zerstörten Innenraum sein jetziges, bewusst traditionell wirkendes Aussehen verliehen hat. Um die Erhaltung dieses Erbes aus frühen DDR-Zeiten war erbittert gestritten worden.

In jedem Fall überarbeitet werden muss der Innenraum: Die weichen Oberflächen müssen „hart und vielleicht auch plastischer“ gemacht werden, wie Merz gestern erläuterte. Auch will Barenboim die Proszeniumslogen entfernt oder zumindest verschoben sehen. „Irgend etwas wird leiden müssen“, so Merz. Es sei die „Summe aller Maßnahmen“, die über die Verbesserung der Akustik entscheide. Der Akustiker wird im Übrigen gesondert bestimmt; er wird letztlich derjenige sein, der dem Architekten vorgibt, was dieser gestalterisch umsetzt. „Wir fangen fast von vorne an“, so Merz – ist sich aber sicher, den Umbau wie vorgesehen bereits im kommenden Jahr beginnen und 2013 abschließen zu können.

Die Sanierung der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel wurde zu einem regelrechten Triumph für Merz. Die Wiederherstellung der prachtvollen Ausstattung der Eröffnungszeit von 1877 in Foyer und Treppenhaus und die subtile Rückführung der Säle auf den Zustand des anbrechenden 20. Jahrhunderts fand ungeteilten Beifall. Dass Merz auch ganz anders kann, stellt er bei der alten Staatsbibliothek unter Beweis. Dort baut er einen quadratischen Hauptlesesaal mit ansteigenden Arbeitsplatzreihen und umlaufenden Freihandmagazinen anstelle des einstigen Kuppelsaales ein; ganz den heutigen Erkenntnissen der Bibliothekskunde verpflichtet. In jedem Falle hat Merz bewiesen, dass er die doppelte Herausforderung des Umgangs mit historischen Bauten besteht: sowohl das Alte zu bewahren als auch eine neue Nutzung zu ermöglichen.


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