Ex-Studentenführer : "Mein Vater nannte mich Mörder"

Ex-Studentenführer Bernhard Wilhelmer über den 2. Juni 1967 – und die Rolle der DDR.

Udo Badelt
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Zwischen Trauer und Wut. Nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg versammelten sich am 5. Juni 1967 im Henry-Ford-Bau der...Foto: dpa

Herr Wilhelmer, wie war die Stimmung in West-Berlin nach der Demonstration vom 2. Juni 1967?



Pogromartig. Mein eigener Vater hat mich „Mörder“ genannt. Hätte ich die Demonstration nicht angemeldet, so seine Logik, wäre Benno Ohnesorg nicht ums Leben gekommen. Ich versuche bis heute, den Blickwinkel meines Vaters zu verstehen: Er war Jahrgang 1913 und war damals beim Senat für die Einfuhr und Bevorratung von Lebensmitteln für West-Berlin zuständig. Der konnte natürlich überhaupt nicht begreifen, dass ausgerechnet sein Sohn ein kritischeres Verhältnis zu den USA und deren Krieg in Vietnam hatte als zu Moskau. Die Schwester meiner Mutter forderte, Rudi Dutschke die Rübe abzuschlagen. Dazu kam es ja auch ein Jahr später fast. Mein Vater starb noch im selben Jahr. Eine Versöhnung hat es nicht mehr gegeben.

War Ihre Familie repräsentativ für die Stimmung unter der West-Berliner Bevölkerung?

Ja. Von den Balkonen wurde damals gerufen „Geht doch rüber!“. Die West-Berliner waren natürlich aufgrund der Luftbrücke mit den USA besonders verbunden. Dieses Verhältnis infrage zu stellen, passte der Bevölkerung gar nicht.

Wie war damals das Verhältnis der Studentenbewegung zur DDR?

Die Apo war in Berlin, anders als die Studenten in Frankreich oder Berkeley, aufgrund der räumlichen Nähe viel stärker gezwungen, sich mit dem anderen System auseinanderzusetzen. Die Frage „Warum geht ihr nicht rüber?“ kam ständig. Trotzdem kenne ich höchstens zehn Personen, die damals SED-nah waren. Die meisten hat nicht interessiert, was hinter der Mauer stattfand. Die wollten Kritik der hiesigen Verhältnisse üben.

Beim Trauerzug nach Hannover, Benno Ohnesorgs Heimatstadt, kam Ihnen die DDR näher, als Ihnen lieb sein konnte.

Das Zentralkomitee bot an, den Zug unkontrolliert durch die DDR passieren zu lassen. Wir haben eine Nacht lang diskutiert, ob wir das annehmen sollten. Das hätte ja das Vorurteil erst recht bestätigt, dass die ganzen Studentenproteste von Ost-Berlin ferngesteuert werden. Schließlich konnten wir es aber nicht ablehnen und auch nicht verhindern, dass FDJ und SED auf dem Sarg Kränze ablegten. Das war völlig irre. Die wussten ja, dass einer ihrer Männer Ohnesorg erschossen hatte. Ob das auch auf ihren Befehl hin geschehen war, konnte aber nicht nachgewiesen werden. Ich vermute, es war Übereifer von Karl-Heinz Kurras.

Was für einen Charakter hatte die West-Berliner Polizei damals?


Paramilitärisch. Es gab ja keine Bundeswehr in Berlin, die waren quasi der Ersatz dafür und in eigenen Kasernen stationiert.

Galt Kurras bei Polizeikollegen als Held?

Das wäre übertrieben. Aber die Kumpanei innerhalb der Polizei hat ihn gedeckt und für zwei windige Freisprüche gereicht. Bei Dutschke ein Jahr später war es anders. Da waren viele froh über das Attentat. Bei Ohnesorg nicht. Der war liebenswert, ein Mitglied der evangelischen Studentengemeinde, seine Frau war hochschwanger. Auf seiner ersten Demonstration wurde er erschossen. Das fanden viele in der Bevölkerung sicher nicht so toll.

Was wäre anders gekommen, wenn die Studentenbewegung damals gewusst hätte, dass Kurras ein Stasi-Mann war?


Erstens hätte sich die Wut auf die West- Berliner Polizei und die BRD wahrscheinlich nicht so entfacht, mit allen Folgen, die das hatte, von der Bewegung 2. Juni bis zur RAF. Zweitens wäre die Unvereinbarkeit der Bewegung mit dem SED-Staat noch stärker zutage getreten. Aber so nahm der Anteil derjenigen, die in der DDR die bessere Alternative sahen, tatsächlich zu.

Das Interview führte Udo Badelt

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