Expansionskurs : Scientology auf Mitgliederfang

Die umstrittene Organisation will weitere Zentren in Berlin eröffnen. Die Zahl der Anhänger hat sich seit Januar verfünffacht.

Sabine Beikler
Scientology
Scheinbar transparent. Schriften des scientology-Gründers in der Filiale in der Meinekestraße. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Er ist der bekannteste Scientology-Werbeträger: Tom Cruise, der mal eben am Wochenende vom Filmdreh als Claus Schenk Graf von Stauffenberg von Berlin in die USA geflogen ist. Während der „operierende Thetan, Stufe VII“ – laut Scientology-Ideologie ein Geistkörper auf dem Weg, das physikalische Universum zu befreien – eine irdische Party in Los Angeles für die zugezogenen Beckhams gibt, wirbt die umstrittene Organisation in Berlin immer offensiver um Mitglieder. „Wir registrieren das sehr genau. In den nächsten Monaten wird es für Scientologen sehr ungemütlich“, heißt es aus Geheimdienstkreisen. Seit zwei Monaten wird Scientology wieder vom Verfassungsschutz beobachtet. Rund 1000 Mitglieder soll Scientology in Berlin bereits haben.

Bisher ging man „nur“ von 200 Scientologen in der Hauptstadt aus. Doch seit Eröffnung ihrer Repräsentanz in der Charlottenburger Otto-Suhr-Allee im Januar taucht die Organisation überall auf: Scientologen verteilen Hefte an Schulen, bieten Nachhilfeunterricht an, werben an zehn mobilen Infoständen und bieten einen kostenlosen „Stresstest“ an. Eine Filiale wurde bereits in der Meinekestraße eröffnet. „Weitere Zentren werden folgen“, sagt Sabine Weber, Scientology- Vorstandssprecherin. Die Organisation bezeichnet Weber als „Erlösungsreligion, die auf Wissen und Selbsterkenntnis beruht“. Aussteiger dagegen sprechen bei den Methoden von Gründer L. Ron Hubbard von einem „faschistoiden System, in dem man psychisch und finanziell ausgesaugt wird“.

Ihre „Aufklärungsarbeit“ leistet die „totalitäre Psychoorganisation“, wie CDU-Generalsekretär Frank Henkel Scientology bezeichnet, nicht mehr nur im Westteil der Stadt. Auch in Geschäften in Mitte versuchen junge Freiwillige, Informationsmaterial auszulegen. „Sie wollten Flyer gegen Drogen hierlassen. Doch wir haben das Kleingedruckte mit Scientology gelesen und die Flyer weggeworfen“, sagt Uljana Wolf vom Antiquariat „Exlibris“ in der Reinhardtstraße.

Scientology wirbt nicht nur Mitglieder an, sondern versucht auch in Unternehmen Fuß zu fassen. Scientologen arbeiten überwiegend in Unternehmensberatungen, im Immobilienbereich und im Kommunikationstraining. Solche Firmen sind im „Wise – World Institute of Scientology Enterprises“, einem Verband von Scientology-Unternehmen, organisiert. Die Mitgliedslisten sind nicht zugänglich. Drei Berliner Unternehmen werden im Zusammenhang mit Scientology genannt: eine Firma für Autoteileverkauf, eine Fitnesscenterkette und eine Restaurantkette. Die Innenverwaltung gibt dazu keine Stellungnahme ab.

SPD-Verfassungsschutzexperte Tom Schreiber spricht über Scientology von einem „übel riechenden Wirtschaftsunternehmen mit religiösem Anstrich“, CDU-Innenpolitiker Henkel von einem „dubiosen Wirtschaftsunternehmen mit pseudoreligiösem Tarnmantel und Gewinnerzielungsabsichten“. Angesichts der „bedrohlichen Ausweitung der Sektenaktivitäten“ fordert die CDU ein Kompetenzzentrum, in dem unter anderem über Scientology aufgeklärt wird. Die SPD dagegen setzt auf eine „Gesamtstrategie“. Inzwischen ist eine Arbeitsgruppe auf „Referentenebene“ in der Bildungs- und Innenverwaltung eingesetzt worden. „Die Verwaltung muss das Vorgehen gegen Scientology regeln“, sagt SPD-Politiker Schreiber, „sonst gibt es politischen Druck.“

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