Geburtstag : Granata mit Courage

Streitbar war sie immer, ob als Senatorin und Bürgermeisterin: Hanna-Renate Laurien wird 80 Jahre alt.

Brigitte Grunert
Hanna-Renate Laurien
Hanna-Renate Laurien -Foto: Thilo Rückeis

Woher nimmt sie nur die Kraft für ihre vielen Aktivitäten, diese feurige Energie? Sie wird nie aufhören, mit Rat und Tat für andere da zu sein. Die Rede ist von Hanna-Renate Laurien. Heute feiert sie ihren 80. Geburtstag, rein privat.

Offizielle Ehrungen folgen. Sie zeugen von der Wertschätzung in Politik und Gesellschaft. So bittet der Parlamentspräsident zum Empfang, die Konrad-Adenauer-Stiftung zum Symposium über christliches Werteverständnis und politisches Handeln, der Bundespräsident zu einem Essen. Doch ihr Spitzname Hanna Granata sagt alles über die Courage, mit der sie so viel erreicht hat, als Politikerin, in der CDU, deren Präsidium sie lange angehörte, in vielen Ehrenämtern. Sprühender Geist, Mutterwitz, Schlagfertigkeit, auch Haare auf den Zähnen, das sind ihre Waffen; ihr Kompass ist der Glaube.

Nach dem Krieg gehörte die in Danzig geborene und in Spremberg aufgewachsene Hanna-Renate Laurien als Studentin der Humboldt-Uni (damals Berliner Universität) zu den Mitbegründern der FU. So wurde sie auch Bundespräsident Theodor Heuss vorgestellt: „Und ich in meinen gepumpten schicken Schuhen knicke um und falle hin, aber Heuss war hinreißend. Mein Fräulein, sagte er, so viel Ehrfurcht ist nicht nötig.“ Ach, sie kann herzerfrischend Episoden erzählen.

Als junge Direktorin eines Kölner Gymnasiums, sie hat in Germanistik promoviert, setzte sie dank ihres Kampfgeistes durch, dass eine schwangere Schülerin das Abitur machen konnte – gegen das Gesetz. Sie fand eben die Alternative „verbotene Abtreibung und Abitur oder Kind ohne Abitur“ empörend.

Sie war längst eine bundesweit respektierte Bildungspolitikerin, als Richard von Weizsäcker sie 1981 nach Berlin lockte und zur Schulsenatorin machte. Sie war ja von 1971 bis 1981 zuerst Staatssekretärin und dann Kultusministerin in Rheinland-Pfalz. Bernhard Vogel war ihr Kultusminister und später Ministerpräsident, seither ist er ein Freund.

Als Schul- und Jugendsenatorin trat sie für die Vielfalt des Bildungswesens ein. Sie hielt sich nicht mit ideologischen Debatten über die Gesamtschule auf. Ihr Credo lautete: Die Starken fordern, die Schwachen fördern, wo immer. Eben das sieht sie im jetzigen Modell der Gemeinschaftsschule nicht gewährleistet, denn ohne kleine Klassen und speziell ausgebildete Lehrer würden die Starken unterfordert, die Schwachen überfordert.

Oh, sie war nicht nur pragmatisch, sondern auch streitbar. Da Weizsäcker 1984 Bundespräsident wurde, tobte in der CDU der Kampf um seine Nachfolge im Amt des Regierenden Bürgermeisters. Frau Laurien und Eberhard Diepgen standen im Zweikampf. Die CDU–Mehrheit entschied sich für das Eigengewächs Diepgen. Erledigt – sie diente ihm loyal und wurde 1986 auch Bürgermeisterin. 1989 musste sie mit der Wahl des rot-grünen Senats Momper aus dem Amt scheiden.

Im Zeichen der Einheit meisterte sie von 1991 bis 1995 noch einmal eine große Aufgabe als erste Gesamtberliner Parlamentspräsidentin. Mit Bravour organisierte sie den Umzug des Parlaments vom Rathaus Schöneberg in den Preußischen Landtag und dessen Umbau. Unvergessen ist die Ausstellung zur Geschichte des Hauses anlässlich des Einzuges. Und was ist das Wertvollste im Abgeordnetenhaus? Die fünf Bilder von Gerhard Richter im Festsaal. Auch sie sind der Präsidentin Laurien zu verdanken. Präsident Momper hat sie neulich daran erinnert, sie hat sich über das Kompliment sehr gefreut. Also sie bezirzte den Künstler, sie hat eben Esprit. Der Spottpreis – 500 000 Mark – sprach sich herum, so dass ihr ein Museum in Washington und ein deutsches Museum für nur ein Richter-Bild eine Million Mark boten, aber das kam gar nicht infrage.

Der Abschied von der Politik fiel ihr leicht, sie hatte genug zu tun, unmöglich, alle ihre Ehrenämter aufzuzählen. Sie stand tatkräftig an der Spitze des Internationalen Bundes (IB), ein freier Träger für Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit, war Vorsitzende des Berliner Diözesanrates, Mitbegründerin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins Gegen das Vergessen – für Demokratie, ist Schirmherrin der Multiplesklerose-Gesellschaft und der Kirche HIV positiv, Vorsitzende des Vereins der ehemaligen Mitglieder des Abgeordnetenhauses.

Freunde sind ihr wichtig. Sie schätzt Gespräche bei gutem Wein und bekocht gern Gäste. 1952 konvertierte sie zum Katholizismus und ist Laien-Dominikanerin. Mit dem Gelübde der Ganzhingabe hat sie sich „als Weltmensch“ ganz in den Dienst der Kirche und der Mitmenschen gestellt. Daher also bezieht sie ihre Kraft und ihren Frohsinn. Brigitte Grunert

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