Grünen-Spitzenkandidatin : Renate Künast plaudert tadellos

Die Spitzenkandidatin der Grünen, Renate Künast, will Klaus Wowereit als Regierenden Bürgermeister ablösen und sprach am Sonntag im Berliner Ensemble über ihre Visionen für Berlin: Die Sozialpolitik will sie reformieren, Tempo 30 schweigt sie tot.

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Auftritt der Kandidatin. Das Publikum verstand und reagierte wohlwollend. Foto: Davids / Zinken Foto: DAVIDS
Auftritt der Kandidatin. Das Publikum verstand und reagierte wohlwollend. Foto: Davids / ZinkenFoto: DAVIDS

So langsam gewöhnt sich Renate Künast an das Hin und Her zwischen grüner Großpolitik und Berliner Themen. Die Frau, die Regierende Bürgermeisterin werden will, diskutierte am Sonntag Vormittag problemfrei an den Fallen vorbei, die die Journalisten Michael Naumann und Frank A. Meyer aufgestellt hatten. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag schaffte weder Gymnasien ab noch zwang sie der Stadt Tempo 30 auf. Dafür blieben ihre Aussagen wolkig.

Wie auch nicht, könnte man sagen, wenn von der Bildung bis zum Umgang mit Macht so ziemlich alles zur Diskussion stand. Bildung, das wurde klar, ist die grüne Antwort auf alle Integrationsfragen. Das verbindet Künast mit den meisten Politikern, die je über Integration nachgedacht haben. Bildung, so früh wie möglich, so viele Stunden wie möglich und so freiwillig wie möglich – auch und gerade für die, die in Berliner Parallelgesellschaften leben. Irgendwann sagte Künast den schönen Satz, man müsse „jedes einzelne Kind aus so einem Kiez ’rausbrechen“. Damit meinte sie die berühmten Teile von Neukölln, Tiergarten oder Wedding, in denen Schulbildung an Sprachproblemen scheitert.

Dass sie mit ihren Beratern gründlich über Berliner Angelegenheiten nachdenkt, zeigte Künast auch. Integration, Armut, Bildungsmängel, die Verwahrlosung ganzer Stadtteile wollen die Grünen anders angehen als die Sozialingenieure von der SPD und der Linken: Man müsse, so die Grüne, künftig Geld und Stellen in „soziale Räume“ geben, statt lauter einzelne Maßnahmen zu finanzieren. In diesen „sozialen Räumen“ sollen die Kinder, die es brauchen, sprachlich gefördert werden können und ihre Mütter, wenn sie es wollen, gleich mit. Das Ganze ist noch nicht zu Ende gedacht, zeigt aber, dass die grüne Frontfrau mit einigen Ideen die Senatspolitik aufmischen will. Dass sie 100 000 neue Jobs in allerlei umwelttechnischen und ökologischen Branchen für möglich hält und sich industriefreudig geben will, gehört zu den „Visionen“, zu denen sie sich bekennt.

Vorsicht ließ Künast bei allem walten, was alltagspolitisch für Aufregung und Missverständnisse gut ist. Vergeblich versuchte der Schweizer Journalist Frank A. Meyer sie zu Ansagen gegenüber Leuten zu bewegen, die Busfenster zerkratzen oder in sonstiger Manier zeigen, dass ihnen die Stadt gleichgültig ist. Tendenzen zur Verrottung der Stadt mochte Künast nicht erkennen. „Berlin ist halt ’ne Metropole“, sagte sie gelassen, „keine schwäbische Kleinstadt.“ Sie könne auch verstehen, dass sich nicht jeder, der Augenzeuge werde, auf eine Auseinandersetzung einlassen wolle. Überhaupt würden die Grünen kein Wahlprogramm präsentieren, das den Bürgern sage, was sie zu tun hätten.

Ihre Zurückhaltung bei allem, was mit öffentlicher Ordnung zu tun hat, verstanden die meisten im Publikum offenbar. Die Zuhörer brachten Künast im altmodisch-schönen Foyer des Berliner Ensembles distanzierte Sympathie entgegen. Künast gab sich teils schlagfertig, teils charmant und erklärte auf die Frage nach ihrem Motiv für die Kandidatur mit trainierter Schnoddrigkeit, schließlich sei sie „seit Sommer ’76 Berlinerin“. Und wenn die Grünen in den Umfragen so hoch bewertet würden, müssten sie auch eine eigene Kandidatin aufstellen. Na dann.

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