Hassgewalt : Eine Minderheit gegen die andere

Häufen sich in Berlin Übergriffe von Migranten auf Schwule und Lesben? Und falls ja, was kann dagegen getan werden? Bali Saygili engagiert sich seit Jahrzehnten für den Kampf gegen Gewalt und stellt sowohl Politik als auch Islamverbänden ein schlechtes Zeugnis aus.

Jörg Vogler
Schwule
Risikokontakt. In Berlin trauen sich viele Schwule und Lesben nicht mehr, öffentlich Händchen zu halten. -Foto: dpa

Berlin: weltoffen, liberal, tolerant? Das Bild von der Hauptstadt, in der jeder nach seiner Façon glücklich werden kann und wo der Regierende offen zu seinem Lebensgefährten steht, bekommt durch die jüngsten Übergriffe auf Schwule und Lesben Risse. Ende Oktober traf es ein lesbisches Pärchen in Kaulsdorf; am Halleschen Tor wurde unlängst ein Schwuler zusammengeschlagen. Und „immer häufiger“, so beklagt der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Sascha Steuer, seien die Täter Migranten. Als Beweis führt er eine Umfrage aus dem vergangenen Jahr an, wonach  Prozent der türkischstämmigen männlichen Jugendlichen homosexuellenfeindliche Ansichten pflegten. Drischt hier eine Minderheit auf die andere ein?

Nur: Nicht jeder, der Schwulen und Lesben ablehnend gegenübersteht, wird gleich gewalttätig. Intern gibt es bei der Polizei Zahlen, die belegen, dass Gewalt gegen Homosexuelle tatsächlich zugenommen hat. In der offiziellen Statisitk werden die Übergriffe als „Hassgewalt“ geführt – und deren Anzahl sei zuletzt nicht gestiegen. Überhaupt ist man im Präsidium bemüht, sich bei dem sensiblen Thema nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Eine „unheimliche Gewaltzunahme“ gegenüber Schwulen und Lesben habe man nicht bemerkt, obwohl es „immer mal wieder“ Vorfälle gebe. Ja, die Dunkelziffer ist möglicherweise hoch, aber das sei ja bei anderen Straftaten nicht anders. Hier Zahlen zu nennen, sei nicht seriös, heißt es bei der Polizei.

Über Zahlen will auch Bali Saygili nicht sprechen, der das Berliner Projekt „MILES – Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule“ leitet und seit Jahrzehnten Aufklärungsarbeit in der türkischen Community betreibt. Dennoch konstatiert auch er eine deutliche Zunahme der Gewalt – vor allem im letzten halben Jahr. „Die Ablehnung unter Jugendlichen aus Migrantenfamilien wächst“, sagt Saygili – und fügt sofort hinzu, dass aus einer Haltung nicht gleich ein Übergriff wird. Schuld tragen für ihn vor allem konservative islamische Vereinigungen, die Homosexuelle als minderwertig darstellen und die Jugendlichen aufstacheln. Hinzu komme, dass bei vielen Migrantenkindern das Gefühl vorherrscht, gesellschaftlich nichts erreichen zu können – und aus Frust wird schnell Gewalt gegen „die Anderen“. Dass sich hier eine Minderheit gegen die andere wendet, sei also durchaus in sich logisch.

Über Sex redet man nicht

Für den Versuch der Politik, dem Problem mit einem „Runden Tisch gegen Homophobie“ Ende Oktober Herr zu werden, hat Saygili wenig übrig. Während Berlins Integrationsbeauftrager Günter Piening mit einem einmaligen Treffen viel zu kurz greife, wollten die teilnehmenden Islamverbände gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Deshalb habe es dort auch „nur zwinkernde Augen“ gegeben. Die Klientel der Islamverbände müsse aber begreifen, dass das Problem auch die eigenen Kinder angeht. Ähnliche Töne schlägt der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg an, für den es sich bei der Gesprächsrunde um „eine reine Showveranstaltung“ gehandelt hat. Sprecher Alexander Zinn bemängelt vor allem, dass sich die Teilnehmer nicht auf eine gemeinsame Resolution einigen konnten. „Es sind einfach auch keine Lösungsansätze herausgekommen“, beklagt Saygili.

Nun gilt es, zu „retten, was zu retten ist“, fährt Saygili etwas desillusioniert fort. Von den islamischen Verbänden erwartet er sich mehr Dialogwille und die Bereitschaft, sich nicht mehr hinter der Religionsfreiheit zu verschanzen. Die Politik dürfe dagegen nicht ständig Projekte kürzen und müsse viel aktiver in den Schulen auf das Problem hinweisen. „Man muss ja nicht über Schwule reden, sondern von mir aus über Freiheit“, meint er.

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