Heime : Jugendhelfer fordern Schutz der Kinder vor Drogenclans

Die Forderung von Polizeipräsident Dieter Glietsch nach einer Einrichtung in Berlin, in der delinquente Kinder vorübergehend festgehalten werden können, stößt bei Experten der Jugendhilfe auf Zustimmung.

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Die Forderung von Polizeipräsident Dieter Glietsch nach einer Einrichtung in Berlin, in der delinquente Kinder vorübergehend festgehalten werden können, stößt bei Experten der Jugendhilfe auf Zustimmung. „Wir würden so etwas sofort einrichten“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks Lazarus (EJF), Siegfried Dreusicke. „Wir sind gegen ,Kinderknäste’. Aber eine Verwahrung für drei bis fünf Tage bis zur Klärung des Sachverhaltes wie jetzt bei den beiden jungen Drogendealern braucht die Stadt.“

Dank solcher von der Polizei geschützten Orte könne man auch „die Kinder vor dem Zugriff krimineller Hintermänner schützen“. Berliner Jugendamtsmitarbeiter weisen den Vorwurf zurück, nicht genügend mit der Polizei zu kooperieren. Experten bestätigen Angaben der verstorbenen Jugendrichterin Kirsten Heisig, es gebe Sozialarbeiter, die aus Angst vor Familienclans wegschauen. Jugendhilfeexperten appellieren, die Polizei solle stärker jene Eltern verfolgen, die kriminelles Handeln fördern. Zudem müsste den Drogengroßhändlern, die sich der Kinder bedienen, das Handwerk gelegt werden.

Polizeipräsident Dieter Glietsch sagte dem Tagesspiegel, die Stadt brauche eine geschlossene Übergangseinrichtung, aus der die Kinder nicht fliehen können. Die Behörden müssten besser kooperieren, Jugendämter stärker durchgreifen und der Informationsfluss zwischen den Ämtern nicht allzu oft dem Datenschutz zum Opfer fallen.

Als Kooperationspartner von Polizei und Justiz besitzt EJF Lazarus in der Region Berlin-Brandenburg viel Erfahrungen als führender sozialer Träger von Einrichtungen für delinquente Kinder und kriminelle Jugendliche. EJF-Chef Dreusicke hält Einrichtungen wie in Ansbach, wo man dank abschließbarer Türen und Fenster sowie mit Alarmanlagen gefährdete minderjährige Kinder vorm Weglaufen abhalten und dem Zugriff der kriminellen Erwachsenen schützen kann, auch in Berlin für angebracht. „Einige wenige Plätze würden genügen.“ Geschlossene Heime für unter 14-Jährige, wie sie jüngst der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit forderte, lehnt der Träger aber ab. Das EJF hat zudem ein Konzept für ein Haus für Kinder bis 14 Jahren im brandenburgischen Rauen erarbeitet, in dem freiheitsentziehende Maßnahmen möglich sein sollen. „Pro Jahr gibt es in Berlin etwa sechs bis acht Fälle, die so eine Einrichtung nötig hätten, das sind vorwiegend Jungen.“ Das Haus in Rauen soll 36 Plätze haben, davon acht mit der Möglichkeit zu freiheitsentziehenden Maßnahmen auf Grundlage richterlicher Beschlüsse. Nach ein bis zwei Wochen könnte der Jugendliche dann in eine offene Gruppe umziehen.

Wie berichtet, waren die beiden drogendealenden Kinder den Behörden über ein Dutzend Mal entkommen – einer wurde als minderjähriger unbegleiteter Asylbewerber von seiner palästinensischen Großfamilie nach Berlin geschickt. Der andere entstammt einem arabischen kriminellen Clan aus Berlin. In dem Fall waren viele Ämter beteiligt, die Absprachen deswegen schwer, sagt Dreusicke. „Die einzige Weise, wie man diese Kinder auf einen guten Weg bringt, ist, sie für andere attraktive Lebenswege zu begeistern“, sagte eine Brandenburger Jugendwohnheimleiterin dem Tagesspiegel. „Wenn man ihnen in einer geschlossenen Einrichtung Rechte nimmt, wie zuvor bereits die Hintermänner, lernen die Kinder nur sehr schwer, selbstständig positive Entscheidungen zu treffen.“

Der Rechtsstaat „stellt sich derzeit selbst ein Bein“, ist die langjährige Führungskraft der Jugendhilfe überzeugt, die namentlich nicht genannt werden will. „So lange wir den Eltern und Drogenhintermännern nicht die Möglichkeit versperren, Kinder für ihre illegalen Zwecke zu missbrauchen, kommen wir keinen Schritt weiter.“ Die Frau weiß aus ihrer Tätigkeit in der Erziehungshilfe eines Brennpunktbezirks, dass es stimmt, wovor Jugendrichterin Kirsten Heisig warnte. „Manche Sozialarbeiter gucken aus massiver Angst vor dem Clan lieber einmal zu viel weg als hin“, sagte die Jugendheimleiterin. „Solange es Flüchtlingslager gibt und man in Deutschland Geld mit Drogen machen kann, wird es die Probleme geben.“ Der Leiter eines innerstädtischen Jugendamtes warnte, dass der deutsche Staat aus Gründen der Geschichte dem Elternrecht große Bedeutung beimesse, dieses Recht aber bei aktuellen Problemen nicht greife. Familienrichter würden sich zu oft „als Mediatoren betrachten anstatt klare Entscheidungen zu fällen“.

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