Landespolitik : Heiß umstritten

Wärmestrahler vor den Kneipen gelten als Klimakiller. Deshalb streitet die Politik um ein Verbot

Stefan Jacobs

Heizpilze sprießen vorzugsweise auf Gehwegen vor Restaurants. Und sie vermehren sich prächtig, weil der Trend zum Draußensitzen geht – zumal, wenn drin nicht mehr geraucht werden darf. Nur sind die gasbetriebenen Terrassenstrahler fürs Klima wahre Giftpilze: Voll aufgedreht, bläst ein Exemplar pro Stunde mehr als drei Kilo Kohlendioxid (CO2) in die Luft. Vier bollernde Propanstrahler vor einem Restaurant belasten das Klima so, als würden dort sechs Autos mit laufenden Motoren parken.

Felicitas Kubala, Grünen-Politikerin und Vorsitzende des Umweltausschusses im Abgeordnetenhaus, sagt, sie sei gewiss keine Spaßbremse, aber die Beheizung von Außenluft sei Irrsinn. Die Fraktion hat einen Verbotsantrag ins Parlament eingebracht, zu dem Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) sagt: Wenn überhaupt, könne man die Geräte nur indirekt über die Sondernutzung von öffentlichem Straßenland verbieten. Das hieße praktisch aber, dass der eine Wirt den (öffentlichen) Gehweg räumen müsste, während der Nachbar weiter seinen (eigenen) Biergarten heizen darf. „Die Durchgriffsmöglichkeit der Politik ist zumindest auf Landesebene nur knapp über null“, resümiert der SPD-Umweltpolitiker Daniel Buchholz. Ein Verbot könne nur bundesweit geregelt werden.

In London musste ein Baumarkt die Geräte auf Druck von Bürgermeister Ken Livingstone aus dem Programm nehmen. Derweil rufen hierzulande Politiker die Draußensitzer auf, Lokale mit wärmenden Kissen und Decken zu bevorzugen. Und die hiesigen Baumärkte bringen die Heizpilze jetzt erst richtig an den Privatmann: Wer will, bekommt einen 14 000-Watt-Brenner für 99 Euro. Die private Nachfrage wachse schnell, heißt es bei einem Versand. Und ein bundesweiter Großhändler meldet 20 Prozent Umsatzplus.

Michael Schulz alias Heizpilz-Schulz war mit seinem Unternehmen bisher Teil des Problems – und wird jetzt vielleicht Teil der Lösung: Weil seine Existenz an Verkauf und Vermietung der Heizpilze hängt, geht er das CO2-Problem zur Imageverbesserung offensiv an. Seit Wochen sucht der Schöneberger Händler nach Wegen, die Klimabilanz seines Geschäfts durch Ausgleichszahlungen zu bereinigen: Eine Anfrage bei der Klimaschutz-Agentur Atmosfair war erfolglos. Man sei auf die Kompensation von Flugreisen spezialisiert, habe ihn das gemeinnützige Unternehmen wissen lassen. Aber jetzt sieht Schulz einen Ausweg: Ein Brandenburger Forstingenieur hat ihm angeboten, Wald neu zu pflanzen. Zertifizierte Flächen habe er – als Spezialist für den gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleich bei Baumaßnahmen – reichlich, und ein Baum koste 2,50 Euro, ließ der Mann wissen.

Zwar sind Bäume als zeitweilige CO2-Speicher nicht die ideale Lösung, aber für Heizpilz-Schulz die einzig machbare. 300 Bäume habe er sofort bestellt, und für künftige Verkäufe gelte: „Ein Pilz – ein Baum.“ Zwei Restaurants mit insgesamt 19 Heizpilzen hätten ebenfalls schon Spenden zugesagt, weitere seien interessiert. Die Volksbank führe ihm bereits kostenlos ein Klimakonto, und demnächst wolle er im Internet über den ökologischen Stand der Dinge informieren. Stefan Jacobs

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