Hilfe für Kinder : Jugendstadträte aller Bezirke richten Brandbrief an Senat

Berlins Bezirke schlagen Alarm: Werden nicht bald mehr als 100 Sozialarbeiter eingestellt, bricht das Jugendhilfesystem in der Hauptstadt zusammen. Das Problem: Im Stellenpool sind nicht genügend qualifizierte Bewerber. Familiensenator Zöllner will nun über "Außeneinstellungen" nachdenken.

Annette Kögel

So etwas hat es in Berlin noch nicht gegeben: Die Jugendstadträte aller zwölf Bezirke warnen in einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister, die Senatoren und die Bezirksbürgermeister vor einem möglichen Zusammenbruch des Jugendhilfesystems angesichts der „immer dramatisch werdenden Stellensituation“. Allein in den kommenden anderthalb Jahren haben die Jugendämter einen Personalbedarf von rund 140 Stellen. „Wir brauchen, wie schon seit Jahren gefordert, endlich einen Einstellungskorridor für Sozialarbeiter, sonst können wir den Kinderschutz und alle anderen Aufgaben trotz erheblichen Mehreinsatzes unserer Mitarbeiter nicht mehr leisten“, sagte Reinhard Naumann (SPD), Jugendstadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf. Familiensenator Jürgen Zöllner (SPD) versprach noch gestern, dass es „Außeneinstellungen“ geben werde, „sollte der Stellenpool den Bedarf nicht abdecken können“.

Man brauche jetzt dringend Neueinstellungen, so die Jugendstadträte: Aus dem zentralen Stellenpool, in dem rund 3400 Landesbedienstete für andere Aufgaben bereitstehen, seien die rund 80 offenen Stellen in den Ämtern nicht zu bestücken. Auch die je zwei neu geschaffenen Stellen pro Bezirk für die Kinderschutz-Koordinatoren seien noch nicht vollständig besetzt. Gebraucht würden jährlich allein 50 neue Mitarbeiter, um ausscheidende Kräfte zu ersetzen, sagte Naumann.

Mit ihrem Brandbrief folgen die Jugendstadträte dem Beispiel der Jugendamtsleiter: Sie hatten sich jüngst in einem gemeinsamen Hilferuf an die Bezirks- und Landespolitik gewandt. Nun unterstrichen die Stadträte, dass bei den so genannten Regionalen Sozialpädagogischen Diensten „derzeit über 40 Stellen für Sozialarbeiter nicht besetzt sind. Bis Ende 2009 werden weitere 72 Stellen durch altersbedingtes Ausscheiden unbesetzt sein“, warnt etwa die Jugendstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne). Auch sie verweist sie auf internene Statistiken der Jugendverwaltung, nach denen die Berliner Jugendhilfe „völlig überaltert“ ist: „547 Mitarbeiterinnen sind über 55 Jahre alt, darunter allein 300 Sozialarbeiterinnen.“

Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) verwies die Jugendamtsleiter zuletzt darauf, dass sie intern Personal umschichten sollen. „Wir brauchen aber für diese anspruchsvolle Arbeit mit gefährdeten Familien ausgebildete Fachkräfte, und die gibt es im Stellenpool zumeist nicht“, sagt Stadtrat Naumann. Jugendamtsleiterin Uta von Pirani aus Charlottenburg-Wilmersdorf kritisiert, dass Erzieher aus dem Personalüberhang der Verwaltung Aufgaben von Sozialarbeitern übernehmen sollen. „Diese Kräfte waren in der Heimerziehung beschäftigt, sie sind weder für die hochkomplizierte Arbeit mit oft unwilligen Familien geschult, noch verfügen sie über die methodischen und verwaltungstechnischen Kompetenzen“. Naumann nutzt da einen plakativen Vergleich: „Das ist so, als ob sie die Feuerwehr rufen, und dann kommen Ordnungsamtsmitarbeiter mit Brandschutz-Fortbildung.“

Die Jugendstadträte warnen vor einem weiteren Problem: Durch das Netzwerk Kinderschutz kommen immer mehr Fälle von Kindesvernachlässigungen ans Tageslicht. „Parallel dazu gab es Kürzungen bei den Jugendhilfeplätzen. Wir haben große Probleme, die Kinder und Jugendlichen in Not überhaupt unterzubringen.“

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