Ins politische Abseits : Sarrazin und Co.: Verdribbelt und verrannt

Der frühere Finanzsenator Thilo Sarrazin hat sich ins politische Abseits manövriert. Da ist er nicht der Einzige. Selbst ewige Gewinner kann es erwischen – warum eigentlich?

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Thilo Sarrazin.Foto: dpa

Was für ein Pass, direkt in den Lauf, es fliegt das Runde ins Eckige – Tor!! Aber nein, am Spielfeldrand sticht der Linienrichter die Fahne in den Himmel und tötet den Jubel der Fankurve ab. Es war Abseits. Der Stürmer, nur das Tor im Blick und im Siegesrausch, war zu früh losgelaufen. Die gegnerischen Verteidiger hatten sich listig zurückgezogen und ließen ihn allein vor dem Torwart stehen. Da musste der Schiri pfeifen. Ach, es gibt viele Politiker, die den Fußball lieben, weil das Spiel der Politik so ähnlich ist – und wie oft laufen sie selbst ins Abseits.

Einer von ihnen heißt Thilo Sarrazin. Wobei man dem Integrationsbeauftragten der Bundesbank zugute halten muss, dass er in 65 Lebensjahren noch nie ein Fußballstadion betrat. Er mag die proletarischen Massen nicht, die warm geduscht auf den Anpfiff warten. Es ist wahrscheinlicher, einen Pinguin am Nordpol zu treffen als den Ex-Finanzsenator in der Ostkurve bei Hertha BSC. Sarrazin mangelt es zwangsläufig an der praktischen Kenntnis der Abseitsregel. Seit Jahren stürmt er rhetorisch vorneweg, nur noch sich selber im Blick, die Zuspieler vergessend und läuft, von purer Eitelkeit getrieben, ins politische Abseits. Das könnte ihn zumindest das SPD-Parteibuch kosten.

Es gibt andere, denen kann so etwas nicht passieren. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit liebt seit Beginn seiner Karriere das breit gezogene, langsame Spiel und die publikumswirksame Regie im vorderen Mittelfeld, bis zur Strafraumlinie. Dabei schreckt er gelegentlich nicht vor robusten Fouls zurück, sobald der Schiedsrichter wegschaut. Ein Ballack der Berliner Landespolitik, der stets so tut, als hätte er die eigene Mannschaft und das Spiel im Griff und der gelegentlich aus der zweiten Reihe schießt. Erfahren, technisch versiert und von der eigenen Größe überzeugt. So gerät er kaum in die Verlegenheit, ins Abseits zu laufen. Lieber schickt er mit einem verkorksten Pass andere hinein. Wie sagte einst der legendäre Fußballtrainer Hennes Weisweiler: „Abseits is’, wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt.“

Kaum ein Ereignis, von Erdbeben, Tsunamis und anstürmender Büffelherde abgesehen, jagt dem Menschen so viel zusätzliches Adrenalin durch die Adern wie der Abseitspfiff, besonders dann, wenn das Spiel auf des Messers Schneide steht. Drei tragen immer die Schuld an der verpatzten Chance: Der zögernde Zuspieler, der voreilige Torjäger und der blinde Linienrichter. Der Prototyp des einsamen Stürmers, der vom Erfolgszwang getrieben dem gegnerischen Torwart fast auf dem Schoß saß, dem aber von der eigenen Mittelfeldreihe stets zur falschen Zeit der Ball zugespielt wurde, war der CDU-Mann Friedbert Pflüger.

Sie erinnern sich noch? Der Spitzenkandidat und Volksbegehrer, der im Parlament gern Florett focht, aber in schöner Regelmäßigkeit vergaß, sich umzusehen. Sonst hätte der Einzelkämpfer Pflüger schnell bemerkt, dass die eigenen Leute längst mit dem Rücken zu ihm standen und sich nur erstaunt umdrehten, als er – zwischen Halbzeit und Abpfiff und nach dem siebten Abseits – quer über den Platz rief: Hey, Leute, ich will euer Kapitän sein! Da haben sie ihm gesagt, er solle lieber Tore schießen, aber er wollte partout die schwarze Binde und da hat ihn das eigene Team vom Platz geschleift.

So kann’s gehen. Und die geborenen Verlierer müssen sich damit trösten, dass es auch die ewigen Gewinner gibt, die ins politische Abseits geraten. Zum Beispiel Peter Strieder, ehemals SPD-Landeschef, immer das Siegestor auf dem Spann, aber meistens ging der Ball über die Latte oder an den Pfosten. Im Fünfmeterraum herumzappelnd und an den Trikots der anderen zupfend, wedelte Strieder mit den Armen: „Hallo, hier!“ Er gehörte zu jenen, zuletzt bei der Affäre um das Tempodrom, die gern Schiedsrichter anpöbelten. Sie waren immer schuldig, die Journalisten, stets pfiffen sie die fintenreiche SPD-Sturmspitze böswillig zurück.

Viel zu spät merkte Strieder, dass ihn die eigene Mannschaft ins Leere laufen ließ. Sie waren seiner überdrüssig, ein Gomez in schlechter Form. Erst nach ihm ging es wieder bergauf. Das ist es wohl, was ins politische Abseits führt: Die Eitelkeit am falschen Platz zur falschen Zeit. Der Autoritätsverlust des selbstverliebten Spitzenmanns. Und öffentliche Medien, die auf der Höhe des Spiels mitlaufen und abpfeifen, wenn jemand regelwidrig den Erfolg sucht. Wahrhaftig nicht unfehlbar, aber bemüht. Besonders hart erwischte es vor ein paar Jahren den damaligen CDU-Fraktionschef und Bankdirektor Klaus Landowsky, der die Pfiffe der Schiris so lange ignorierte, bis er die rote Karte sah. Trotz Finanzmarktkrise ist er ein Synonym für den größten Bankenskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte geblieben.

Andere wiederum wurden trickreich ins Abseits geschickt. Hinter jene virtuelle Linie, die den Erfolg vom Misserfolg scheidet. Oft geht es um Zentimeter, das musste vor neun Jahren der – leider verstorbene – FDP-Mann Günter Rexrodt erfahren, als er davon träumte, mit SPD und Grünen in Berlin eine Ampelkoalition schmieden zu können. Er ahnte vielleicht, aber wusste erst, als die Verhandlungen an Scheinkonflikten in letzter Sekunde platzten, dass die Sozialdemokraten von vornherein planten, den liberalen Vormann ins Leere laufen zu lassen.

Gregor Gysi hingegen verließ das landespolitische Spielfeld freiwillig, als er merkte, dass Training und Pflichtspiele eine schweißtreibende Sache sind. Nur abstauben und den Jubel einstecken, das ging als Berliner Wirtschaftssenator nicht. Der politische Dribbelkünstler sah sich in der falschen Liga, hinkte auf einmal und schlich vom Platz. Wie kommt es eigentlich, so drängt sich an dieser Stelle die Frage auf, dass die Grünen so wenig abseitsverdächtig sind? Es liegt vielleicht daran, dass sie meistens aus der Verteidigung heraus angreifen. Als Opposition par excellence, die jeden Spielzug am liebsten mit dem Fanblock und dem Gegner diskutiert und den langen Ball nach vorne scheut. Was soll da passieren?

Abseits – es ist ein emotionales Wort. So wie Einsamkeit, Rückzug, Isolation. Es berührt die Gefühle. Als Reichskanzler Otto von Bismarck 1890 zurücktrat, steckte der Fußball in Deutschland noch in Kinderschuhen. Bismarck konnte gemessenen Schrittes aus dem politischen Fight scheiden. Der Lotse ging von Bord. Davon träumen Politiker heute.

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