Integration : Migranten fordern klare Ansagen statt bunte Flyer

An der SPD-Ideenkonferenz zur Teilhabe von Migranten nahmen kaum welche teil. Stattdessen verließen sie sich auf die Vorstände ihrer Vereine und Netzwerke. Auch die Grünen diskutierten über Hilfen zur Integration.

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Foto: Michael Kappeler/ddp
Foto: Michael Kappeler/ddpFoto: ddp

Ganz am Schluss ging ein Zuhörer auf den SPD-Landesvorsitzenden zu und fragte: „Wo sind denn eigentlich die Menschen, um die wir uns hier Gedanken machen?“ „Wir haben Tausende eingeladen“, erwiderte Michael Müller. Aber offenbar hätten die erhofften Gäste großenteils verzichtet und sich stattdessen auf die Vorstände ihrer Vereine, Initiativen und Netzwerke verlassen. Die immerhin waren zahlreich erschienen zur ersten von vier „Berliner Ideenkonferenzen“ der SPD. Die Sozialdemokraten hatten in eine zur Eventfabrik aufpolierte Industriehalle am Gleisdreieck geladen, um über Integration und gesellschaftliche Teilhabe zu diskutieren. Und zwar nicht nur miteinander, sondern mit Betroffenen und denen, die dank ihrer Berufspraxis mitreden können. „Der Ansatz dieser Konferenz ist, dass Politik einmal zuhört“, hatte Müller zum Auftakt gesagt.

Wer beispielsweise Kazim Erdogan zuhörte, dem Gründungsstifter der Bürgerstiftung Neukölln, bekam eine Erklärung für die Abwesenheit Betroffener: Migranten bräuchten klare Ansagen von den Ämtern. Eine strenge Aufforderung helfe vielen mehr als der Wust aus Zuständigkeiten und immer neuen Flyern. „90 Prozent der Probleme resultieren aus Kommunikations- und Sprachlosigkeit“, sagte er und lieferte eine Erklärung für die Abschottung mancher Migranten gleich mit: „Eine türkische Mutter von drei Kindern, die in einem fremden Land von Hartz IV lebt, schämt sich. Sie hat keine Eigenschaften, die wir positiv finden.“ Muna Naddaf, die das weithin beachtete Projekt der Neuköllner Stadtteilmütter koordiniert, forderte als Ausweg eine Brücke für die Betroffenen: Wenn die Stadt ihnen den Weg zum Deutschkurs der Volkshochschule weise oder bei der Kita- Anmeldung für die Kinder helfe, komme der ganze große Rest der Integration viel leichter in Gang. Der Wissenschaftler Mark Terkessidis setzte die Aufforderung zum positiven Denken fort, indem er die „Sprachstandserhebung“ bei Vorschülern infrage stellte: „Ich will nicht nur sehen, was Kinder nicht können, sondern auch, welche Potenziale sie haben – zum Beispiel ihre eigene Muttersprache.“

Ein wenig zäh geriet das Hauptstadtgespräch, weil Fragen aus dem Publikum nur schriftlich und nach Vorsortierung zum Podium durchgestellt wurden. Eine Frage lautete, was die Stadt konkret tun könne. Erdogan von der Bürgerstiftung klagte, sein Verein habe nicht mal Geld für Telefon und Heizung und kämpfe obendrein mit willkürlicher Bürokratie. Christian Haberecht, Vorsitzender des Sportvereins FSV Hansa 07 aus dem Wrangelkiez, antwortete schlicht: „Einen neuen Sportplatz in Friedrichshain oder Kreuzberg, damit wir keine Kinder mehr wegschicken müssen.“ Ob Klaus Wowereit, der mit Notizblock und zumeist unbewegter Miene in der ersten Reihe saß, das notiert hat, war nicht zu erkennen.

Aber es waren Leute wie Haberecht vom FSV Hansa, denen der Regierende am Ende dann ausdrücklich dankte: „Die üblichen Verdächtigen“, die mit ihrer Arbeit hunderttausendfach gelungene Integration vollbracht hätten.

Zwar betonten sowohl Müller als auch Wowereit, dass Integration kein Ausländerthema sei, sondern ein soziales, aber dann wurde doch fast nur über Migranten geredet. So wie übrigens auch bei den Grünen, die zur selben Zeit im Ballhaus Rixdorf mit rund 150 Teilnehmern über Integration debattierten. Grünen- Fraktionschef Volker Ratzmann freute sich über dieses zeitliche Zusammentreffen: „Die Themen Migration und Integration gewinnen in der politischen Diskussion zunehmend an Bedeutung.“ Bereits in der vergangenen Woche habe die CDU ein umfangreiches Papier vorgelegt, „das viele gute Ansätze enthielt“ Jetzt müsse man nur noch vom Reden zum Handeln übergehen.

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