Integration : Senat sieht wachsende Feindseligkeit gegen Muslime

Laut Sozialsenatorin Bluhm sind vor allem muslimische Frauen von wachsender Diskriminierung betroffen. Ein neues Netzwerk soll Abhilfe schaffen. In Moscheen sollen Antidiskriminierungsbeauftragte ausgebildet werden.

Karin Schädler

Sozialsenatorin Carola Bluhm (Linke) und der Integrationsbeauftragte des Senats, Günter Piening, möchten gegen die „wachsende Feindseligkeit“ gegenüber Muslimen vorgehen. „Erfahrungsberichte legen nahe, dass Diskriminierung insbesondere von muslimischen Frauen ein erschreckendes Ausmaß angenommen hat“, sagt Bluhm. Ein neues Netzwerk „gegen die Diskriminierung von Muslimen“ soll Abhilfe schaffen. Der muslimische Verein Inssan und der Türkische Bund Berlin-Brandenburg (TBB) wollen ehrenamtliche Antidiskriminierungsbeauftragte in Moscheen ausbilden, die Beratung ausbauen und Informationsveranstaltungen organisieren. „Viele Betroffene sehen Diskriminierung als etwas normales an und wissen nicht, dass man rechtlich dagegen vorgehen kann“, sagt Lydia Nofal, die Leiterin des Netzwerks von Inssan.

Auch im Hinblick auf aktuelle Brandanschläge auf zwei Berliner Moscheen sagte Piening: „Es ist besorgniserregend, wenn sich einerseits eine Stimmung in der breiten Bevölkerung verändert und es andererseits in einem kleinen Segment Gewaltbereitschaft gibt.“ Allerdings müsse man die Ergebnisse der Ermittlungen nach den Anschlägen abwarten. Nach einer Studie des Open Society Instituts geben 79 Prozent der Muslime in Kreuzberg an, wegen ihres ethnischen Hintergrundes diskriminiert worden zu sein, 74 Prozent wegen der Religion. „Die größten Schwierigkeiten gibt es beim Zugang zu Arbeit, aber auch im Wohnungsmarkt“, sagt Nuran Yigit, die Leiterin des Antidiskriminierungsnetzwerks des TBB.

Ein typischer Fall, wie er bei der Beratungsstelle des Türkischen Bundes landet: Eine Studentin, deren Vater aus dem Sudan und deren Mutter aus Deutschland stammen, bewirbt sich ohne Foto um eine Stelle. Sie wird eingeladen, im Vorstellungsgespräch dann aber aufgefordert, ihr Kopftuch abzulegen, um die Stelle zu bekommen. „Der Arbeitgeber sagte, wenn sie dazu nicht bereit sei, müsse sie in den Sudan zurückfahren“, sagt Yigit. Doch auch muslimische Männer und Jungen seien betroffen. „Einem Schüler wurde von seiner Lehrerin im Wortgefecht gesagt, er solle doch in die Moschee gehen und zu Allah beten und er solle dorthin zurückgehen, wo er herkommt“, berichtet Yigit. Gerade an Schulen lasse sich schwer etwas verändern, da die Eltern Sorge vor einer weiteren Verschlechterung hätten. Natürlich könnten sich auch Betroffene an die Beratungsstelle wenden, die von anderen Muslimen diskriminiert würden, sagt Yigit.

Die Erfahrungen aus Berlin decken sich mit bundesweiten Forschungsergebnissen. So ist nach einer Studie der Universität Bielefeld die feindselige Einstellung gegenüber Muslimen im vergangenen Jahr stark gestiegen. 26 Prozent der Befragten möchten Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland generell untersagen. Ihnen wird pauschal eine volkswirtschaftliche Nutzlosigkeit zugeschrieben, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten würden Muslime abgewertet. Einen eklatanten Anstieg dieser Einstellungen fanden die Forscher bei höheren Einkommensgruppen. Piening stellt daher fest, dass Feindlichkeit gegenüber Muslimen in den vergangenen Jahren „hoffähiger“ geworden sei.

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