Jürgen Zöllner : Sitzen geblieben

Bildungssenator Jürgen Zöllner kassiert harsche Kritik bei einer Bürgersprechstunde in Pankow.

Ferda Ataman

Zwei Sorgen haben die rund 100 Eltern und Lehrer offenbar zur SPD-Sitzung mit dem Bildungssenator getrieben: Zum einen sind viele wegen der Strukturreform des Berliner Bildungswesens verunsichert. Zum anderen beschäftigt sie noch immer der Zustand der maroden Gebäude, in denen ihre Kinder unterrichtet werden. Zwar hat der Senat umfangreiche Sanierungen angekündigt, doch bislang wissen die meisten nicht, wohin genau die Gelder des Konjunkturpakets II und die 50 Millionen Sonderzulage des Senats fließen werden.

Ein Vater berichtet von einer eingebrochenen Schulwand, über die er sich schon mehrfach beim Bezirk beschwert hat. Eine Lehrerin lädt den Senator ein, den „DDR-Charme in den Toiletten“ in Prenzlauer Berg doch einmal selbst zu bewundern. Jürgen Zöllner reagiert gereizt auf die Debatte. „Wir haben rund eine halbe Milliarde Euro Sanierungsgelder für die kommenden Jahre“, sagt er, das müsse reichen. „Wenn in drei Jahren irgendeine Schultoilette in Berlin nicht saniert ist, dann haben wir etwas falsch gemacht.“

Mehr noch als der Zustand der Gebäude beschäftigt die Eltern aus Pankow und Prenzlauer Berg offenbar die anstehende Strukturreform. Der Senat will im kommenden Jahr ein zweigliedriges Schulsystem einführen – also Haupt-, Real- und Gesamtschulen zur sogenannten Sekundarschule zusammenlegen. „Dass es so schnell gehen soll, heißt doch für uns, es wird chaotisch“, sagt ein Vater und erntet Zustimmung aus dem Saal. Viele Gebäude seien noch nicht fertig umgebaut, und auch die Pädagogen seien noch nicht auf die neuen Klassenstrukturen vorbereitet. „Ich kann mir doch keine Lehrer backen, die all das können“, antwortet Zöllner. So eine Reform brauche eben ihre Zeit, wenn sie einmal umgesetzt ist.

Wie es sein könne, dass die Zugangskriterien für Gymnasien im neuen Schulsystem noch nicht festgelegt sind, will ein Zuhörer wissen. Ein anderer fürchtet, dass es in ihrem Stadtteil zu Platzmangel an weiterführenden Schulen kommen wird, da hier besonders viele Bildungsbürger leben. Bezirksstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz beschwichtigt. „Zwar wechseln hier inzwischen zehn Prozent mehr Schüler aufs Gymnasium als vor fünf Jahren“, sagt sie, „aber wir sind schon dabei, mehr Plätze zu schaffen.“ Die SPD-Politikerin beteuert, in ihrem Viertel gebe es „eine große Bereitschaft der Rektoren“, die Strukturreform durchzuführen. Es sei eben ein „glückliches Viertel“. Die hohe Geburtenrate führe dazu, dass keine Schließungen von Schulen zu erwarten seien. „Fast alle werden bald zu Sekundarschulen.“

Bei der Bürgersprechstunde am Dienstagabend in Pankow wird vor allem aber wird eins deutlich: der Widerspruch zwischen Behördentheorie und Schulpraxis. Er zeigt sich am stärksten, als Senator Zöllner die Personalmittel für sogenannte Teilungsstunden anspricht. „Die Stunden fallen ständig aus“, unterbricht ihn jemand aus dem Publikum. Das folgende Pingpong – „Nein, tun sie nicht“ (Zöllner) – „Doch, tun sie wohl“ (Eltern) – unterbricht der Bildungssenator schließlich mit einem Erklärungsversuch. „Ich kann Instrumente schaffen, Schulgebäude und Mittel zur Verfügung stellen“, sagt er. Aber den Lehrplan umsetzen, Schwerpunkte setzen und Zusatzangebote schaffen, das müssten Schulleiter, Lehrer und Eltern schon selbst regeln. 

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