Kirchen : Das Kreuz mit dem Halbmond

Die neuapostolische Gemeinde verkauft ungenutzte Kirchen an Muslime. Die katholische und evangelische Kirche tun sich schwer.

Claudia Keller

Die Frage beschäftigt mittlerweile fast jede Kirchenkonferenz: Was soll mit Kirchen passieren, die nicht mehr gebraucht werden? Seitdem die Kirchen durch Mitgliederschwund finanziell in Schwierigkeiten geraten sind und Gemeinden fusioniert werden, bleiben Kirchengebäude übrig. In den vergangenen 17 Jahren wurden in der evangelischen Landeskirche 20 der rund 2000 Kirchen aufgegeben, im Erzbistum Berlin 20 von 200 katholischen Gotteshäusern.

Von wie vielen man sich in Zukunft wird trennen müssen, dazu wollen die Kirchen nichts sagen, denn die Aufgabe einer Kirche ist ein hoch emotionaler Vorgang. „Mit Kirchengebäuden sind Biografien verknüpft, hier wurden Ehen geschlossen und Kinder getauft. Einen solchen Ort aufzugeben, ist immer auch eine traurige Sache“, sagt der Neuköllner Superintendent Bernd Szymanski.

Damit es nicht ganz so wehtut, sucht man erst einmal Nachmieter oder Käufer im eigenen christlichen Spektrum. Aber den anderen christlichen Gruppierungen, etwa aus dem Ausland oder einer anderen Konfession, fehlt oft ebenfalls das Geld, um den Unterhalt und die Sanierung der häufig maroden Gebäude zu stemmen.

So bleibt manchmal nichts anderes übrig, als die Kirche an nicht kirchliche Einrichtungen zu verkaufen. Dafür gibt es bei den Amtskirchen allerdings ganz klare Vorschriften: Der kirchliche „Symbolwert“ des Gebäudes darf nicht zerstört werden. „Imageschädigende Folgen durch Nachnutzung sind unbedingt zu vermeiden“, heißt es in einer Handreichung der evangelischen Landeskirche von 2006. „Die Nachnutzung als Supermarkt, Bankfiliale oder auch als ein auf Gewinn orientiertes Restaurant kommt deshalb genauso wenig infrage wie die Umwandlung in eine Moschee“, sagt Friederike von Kirchbach, die Pröpstin der evangelischen Landeskirche. Bevor so etwas geschieht, soll ein Gebäude lieber stillgelegt oder abgerissen werden, empfiehlt die Broschüre der evangelischen Landeskirche. Und auch die katholische Kirche sieht das Problem ganz ähnlich.

Die neuapostolische Kirche hingegen hat gerade zwei ihrer 33 Berliner Kirchengebäude an muslimische Vereine verkauft: In der Neuköllner Flughafenstraße soll ein von Sunniten betriebenes „Haus des Friedens“ entstehen, in der Tempelhofer Manteuffelstraße ein schiitisches Gebetshaus.

Die evangelische und die katholische Kirche begründen ihre ablehnende Haltung auch mit unterschiedlichen Gottesbegriffen und anderen Frömmigkeitsformen von Christen und Muslimen. „Die Kirchen wurden von unseren Ahnen gebaut, damit wir einen dreieinigen Gott anbeten“, sagt Pröpstin von Kirchbach. „Dieser Zweck wäre nicht erfüllt, wenn Muslime dort beteten.“

Deren Gott ist kein dreieiniger Gott. Der Sprecher des Berliner Erzbistums verweist auf muslimische Gruppierungen, die ebenfalls vor einem Verkauf einer Kirche an Muslime warnen würden, weil sie glaubten, dass dies dem Dialog zwischen Christen und Muslimen „nicht dient“.

Es gibt aber auch Pfarrer und Gemeindemitglieder, die es für wichtiger halten, dass eine Gemeinschaft von gläubigen Menschen eine Kirche nutzt, auch wenn diese zu einem anderen Gott beten, als dass das Gebäude profanen Zwecken dient oder abgerissen wird. Auch Pfarrerin Elisabeth Kruse aus Neukölln würde die Nachnutzung einer Kirche durch Muslime nicht grundsätzlich ausschließen wollen, sondern sie davon abhängig machen, wie die jeweilige muslimische Gruppe zu den Werten der Demokratie steht, etwa zu Aufklärung und Menschenrechten.

Für wiederum andere Christen, besonders solche, die in Stadtteilen mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil wohnen, wäre der Verkauf einer Kirche an Muslime „der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen würde“, wie es Pfarrer Michael Rannenberg aus Moabit formuliert. Er selbst allerdings hätte gegen einen solchen Verkauf nichts einzuwenden. Er vertraut vielmehr auf die Kraft der westlichen Kultur, der auch die Umwandlung von Kirchen in Moscheen nichts anhaben könne. „Unsere Kultur ist viel zu stark, als dass sich die Muslime durchsetzen.“

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