Kliniken ausgelastet : Immer mehr Kinder in der Psychiatrie

In Berlin brauchen immer mehr Kinder und Jugendliche eine stationäre Behandlung in der Psychiatrie. Der Bedarf ist so groß, dass die insgesamt 240 Betten in den sechs Kliniken nicht mehr ausreichen und um 20 Prozent aufgestockt werden sollen.

Susanne Vieth-Entus

Dies bestätigte der Landespsychiatriebeauftragte Heinrich Beuscher. Geplant ist, an jedem Klinikstandort acht weitere Betten zu genehmigen.

„Es ist unbedingt nötig, zeitnah die Kapazitäten zu erweitern“, lautet Beuschers Einschätzung, die er mit dem Landespsychiatriebeirat teilt. Das Gremium folgte damit einem Votum der Chefs der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Inzwischen wird fest damit gerechnet, dass im nächsten Krankenhausplan bereits die zusätzlichen Kapazitäten berücksichtigt sein werden.

Entstanden ist der Handlungsdruck dadurch, dass die Kliniken immer wieder derart ausgelastet sind, dass sie Patienten abweisen müssen. Deshalb sollte geprüft werden, woher der gestiegene Bedarf kommt, und wie groß er tatsächlich ist. Die Beantwortung der ersten Frage wird noch einige Monate dauern: Jugendhilfe und die Schulverwaltung sollen jetzt bei der Analyse helfen. Erst Mitte des kommenden Jahres wird mit einer Antwort gerechnet.

Berlins Ärzte können bisher nur vermuten, wo die Ursachen liegen. Es komme vieles zusammen, meint Oliver Bilke, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Vivantes Kliniken. Als Stichworte nennt er übertriebenen Medienkonsum, fehlende familiäre Stabilität, eine „andere Form von Leistungsdruck in der Schule“, aber auch Sprachdefizite, die weitere Probleme nach sich zögen. Die frühe Einschulung bringe „das Fass zum Überlaufen“.

Ebenso wie Bilke hält es der Sprecher der Berliner Kinderärzte, Ulrich Fegeler, für wichtig, nicht nur Prävention, sondern eine „frühe Intervention“ zu betreiben. „Man muss früher anfangen. Schon in den Familien, damit das Bild der Pathologie gar nicht erst entsteht“, fordert Fegeler. Auch er teilt die Bedenken gegenüber der vorgezogenen Schulpflicht und ist deshalb froh, dass es neuerdings wieder einfacher ist, bei nicht schulfähigen Kindern Rückstellungen zu erwirken.

Die Kritik der Psychiatrieärzte an den Schulreformen ist nicht neu: Schon vor drei Jahren hatte Bilke Alarm geschlagen, weil die Zahl der Erstklässler stieg, die wegen Schulproblemen kamen.

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