Kommentar : Die Ethik liegt im Kompromiss

Wie gut, dass der Volksentscheid nun vorüber ist. Es war zum Schluss, als donnerten zwei Züge unaufhaltsam aufeinander zu, sagt Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff. Unaufhaltsam deshalb, weil die Streiter bis buchstäblich zum Ende bei je ihrer Sache bleiben mussten. Jetzt aber kann ein Kompromiss gelingen.

Stephan-Andreas Casdorff

Der evangelische Christenmensch Johannes Rau stellte sein politisches Wirken unter das Leitmotiv "Versöhnen statt spalten". Das kann auch hier in Berlin, wo er, der sich als rheinischer Preuße beschrieb und als Präsident wirkte, hilfreich sein - nach diesem Volksentscheid, mit dem es um Ethik und Ethos der Demokratie ging.

Sage keiner, er habe ein Monopol auf die Wahrheit. Damit nämlich würde die notwendige Versöhnung über Gräben des Kampfes hinweg unnötig erschwert. Einer der Gräben ist auch nicht nur sittlicher Art, sondern besteht in der Tatsache, dass ein Drittel der Berliner zu normieren versuchte, was die restlichen zwei Drittel nicht interessierte. Nun mag man zu Recht einwenden, das sei Demokratie. Doch bleibt, dass das interessierte Drittel, vornehmlich aus der bürgerlichen Mitte, nach der Abstimmung nicht in seiner Stellung der vergangenen Wochen verharren darf, will es nicht riskieren, dass es die Fühlung zur Lebenswirklichkeit der anderen verliert. Denn das kann auf Dauer nur von Übel sein in einem Gemeinwesen, das in der "Werkstatt der Einheit" zwanzig Jahre nach dem Fall auch geistiger Mauern doch immer noch so hart an sich arbeiten muss.

Damit Demokratie funktioniert, sind ethische Voraussetzungen und Ideale oder, anders gesagt, moralische Verhaltensweisen erforderlich; so wird das demokratische Ethos ein "Orientierungssystem". Der Volksentscheid war ein Akt der Demokratie. An alle Kämpfer besten Glaubens gerichtet lässt sich sagen, dass das demokratische Ethos, solange es nur formal hochgehalten wird, nicht wirksam ist. Wirksamkeit entfaltet es erst im Zusammenhang mit einer konsensfähigen Ethik. Darum muss am gegenseitigen Verständnis gearbeitet werden. Das ist nötig, weil der Mensch – wie nicht zuletzt ein gelehrter Geistlicher festgehalten hat - wegen des Ich-Du-Bezuges auf das Miteinander angewiesen ist.

Konsensfähige Ethik über einen Kompromiss ist ein Gebot der kommenden Wochen. Warum also nicht ins Curriculum für den Ethikunterricht der Klassen sieben bis 10 bewusst verstärkt die Auseinandersetzung mit den Weltreligionen hineinschreiben, die auch eine Form der Hinführung ist? Wie gut, so gesehen, dass der Volksentscheid nun vorüber ist. Es war zum Schluss, als donnerten zwei Züge unaufhaltsam aufeinander zu. Unaufhaltsam deshalb, weil die Streiter in der Hauptstadt bis buchstäblich zum Ende bei je ihrer Sache bleiben mussten, sie keinen Kompromiss finden durften. Jetzt aber kann das gelingen.

Auch die glühendsten Pro-Reli-Anhänger könnte bei einem genaueren Blick versöhnlich stimmen, dass sie in der Grundschule bis zur Klasse sechs immerhin die Mehrheit der Kinder in Religion unterrichten. Ist der Unterricht wirklich gut, werden die Kinder das Fach weiter belegen. Außerdem kann der Religionsunterricht später dann den Glaubensanteil vergrößern, was in zurückliegender Zeit auch ein oft beklagtes Manko war.

Und wenn darüber Verständigung gesucht wird, dann wird der Blick auch wieder frei für neue Dimensionen politischen Geschehens. Die Debatte um ein Fach darf nicht dazu führen, dass über die vielen anderen, die Bildung für eine Gesittung im Sinne von Ethik und Ethos gewährleisten, nicht mehr geredet wird. Nicht mehr darüber, wie viel Wert Bildung hat und wie viel sie der Politik wert sein sollte, an Einsatz und an Geld. Denn das zeigt der Volksentscheid unstreitig: Realisiertes Ethos prägt Identität und Kultur der Herrschaftsform Demokratie.

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