Modellversuch : Kind abholen – nur gegen Fingerabdruck

Eine Kita in Mitte will Kinder nur noch an Eltern übergeben, wenn dieser vorher ihren Fingerabdruck eingescannt haben. Das soll den Erzieherinnen helfen, am Nachmittag den Überblick zu behalten. Ein Datenschützer hat allerdings Bedenken.

Tanja Buntrock[Sigrid Kneist],Julia Regis
Kita Foto: Rückeis
Großmutter Karin Krohn mit Enkelin Julia beim Scannen. -Foto: Rückeis

Eine Kita in Mitte will künftig die Finger abdrücke von Eltern scannen lassen. Erprobt werden soll das Verfahren in der evangelischen Kindertagesstätte „Zion“. Wenn Väter und Mütter ihre Kinder bringen oder abholen, sollen sie den Daumen an ein Gerät halten. Damit solle zum einen gewährleistet werden, dass kein Unbefugter die Kinder mitnimmt. „Doch vor allem geht es darum, den nachmittäglichen Ablauf beim Abholen zu erleichtern“, sagte die Geschäftsführerin der evangelischen Kitas, Kathrin Janert. Die Senatsjugendverwaltung hat keine Bedenken gegen das Projekt, wenn sich Eltern auch noch anders legitimieren können.

85 Kinder werden in der Kita, die in einem Hinterhof-Altbau in der Griebenowstraße liegt, betreut. Völlig überrascht reagierten die meisten Eltern, die am Montag ihre Kinder abholten. „Ich finde, dass diese Sicherheitsmaßnahmen über das Ziel hinausschießen. Aber die Mitarbeiter hier sind eben für kleine Kinder verantwortlich“, sagte Roman Koschuth, der auf seine kleine Tochter wartete.

Geschäftsführerin Janert betonte, dass es sehr schwierig sei für die Betreuerinnen, den Überblick zu behalten, welche Eltern ihr Kind am Nachmittag schon mitgenommen haben. „Es ist immer mal wieder vorgekommen, dass ein Kind einfach allein nach Hause gegangen oder weggelaufen ist. Durch die Datenerfassung haben wir die Möglichkeit, sehr schnell zu sehen, ob das Kind bereits abgeholt wurde oder ob wir es suchen müssen“, sagte Janert. Einen Fall, bei dem Fremde einen Jungen oder ein Mädchen aus der Kita mitgenommen haben, habe es bislang aber noch nicht gegeben. Doch genau deshalb erschließt sich für viele Eltern und Angehörige der Sinn dieses Projektes nicht. „Ich halte das für einen Mordsaufwand“, sagte Karin Krohn, die ihre Enkelin abholte. Doch es gibt auch Zuspruch: „Ich finde das sinnvoll und werde meinen Fingerabdruck abgeben“, sagte eine Mutter.

Während viele Väter und Mütter offenbar von dem geplanten Pilotprojekt noch gar nichts wussten, sagte Geschäftsführerin Janert dem Tagesspiegel, dass ein Großteil der Eltern dem Vorhaben bereits zugestimmt habe. Das von einer Firma gemietete Scanner-Gerät sei bereits vorhanden, einige Eltern hätten auch schon ihren Fingerabdruck einlesen lassen.

Zum evangelischen Kirchenkreis Stadtmitte gehören insgesamt 17 Kindertagesstätten in Friedrichshain, Kreuzberg, Mitte, Prenzlauer Berg und Tiergarten. Sollte die Testphase, die Anfang 2009 beginnt und drei Monate dauert, erfolgreich sein, könnte das Projekt auch auf die anderen 16 evangelischen Kitas des Kirchenkreises Mitte ausgedehnt werden. Janert betonte, dass die Informationen darüber, wann welches Kind abgeholt wurde, nur eine Woche lang gespeichert werden. „Danach werden die Daten wieder gelöscht“, sagte Janert. Zudem werde kein Elternteil gezwungen, die Fingerabdrücke abzugeben. Auch Kindermädchen oder Verwandte mit einer Vollmacht könnten weiterhin die Kleinen mitnehmen. Der zuständige Datenschutzbeauftragte der evangelischen Kirche in Berlin, Detlef Rückert, hat derzeit „erhebliche Zweifel“, ob das Projekt mit dem Datenschutz vereinbar sei. Doch er wolle sich erst ein Urteil bilden, wenn er sich am Dienstag das Prozedere an Ort und Stelle angeschaut habe. Der Datenschutzbeauftragte des Landes, Alexander Dix, nannte in der RBB-Abendschau den Einsatz des Scanners unverhältnismäßig.

Die pädagogische Leiterin des städtischen Kita-Eigenbetriebs Südwest, Martina Castello, hält die Sicherheitsmaßnahme für überflüssig. Es sei bisher nicht bekannt, dass Menschen, die nicht dazu befugt seien, einfach Kinder abholten.

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