Nach der Bluttat : Sirene für den Amokfall

Als Konsequenz aus der Bluttat in Winnenden soll es an Berliner Schulen ein neues Warnsystem geben. Die Bildungsverwaltung will den Feueralarm um ein Signal für den Fall eines Amoklaufs erweitern

Susanne Vieth-Entus uns Saskia Weneit

Die Ereignisse von Winnenden haben Auswirkungen – auch in Berlin. Am Montag hat Neuköllns Bildungsstadtrat Wolfgang Schimmang (SPD) entschieden, dass die Röntgen-Realschule, die gerade saniert wird, für 20 000 Euro mit Lautsprechern ausgestattet wird. Andere Schulen wie das Menzel-Gymnasium in Tiergarten denken darüber nach, ihre Feuersirene für den Amokfall mit einer zusätzlichen Alarmfunktion auszurüsten.

Unterdessen prüft auch die Bildungsverwaltung gemeinsam mit dem Landeskriminalamt und Psychologen, wie an allen Schulen die Sirenen umgerüstet werden können. Das Problem besteht darin, dass  Schüler und Lehrer bei Feueralarm darauf gedrillt sind, das Gebäude auf dem schnellsten Wege zu verlassen. Beim Amokfall müssen sie unter Umständen aber genau das Gegenteil tun – nämlich sich in den Klassenzimmern verschanzen. Jetzt muss es darum gehen, klar unterscheidbare Signale zu finden.

„Das wird in kurzer Zeit gelöst sein“, kündigte Jens Stiller an, der Sprecher der Bildungsverwaltung. Er betont aber, dass es diese Arbeitsgruppe von LKA, Bildungsverwaltung und Psychologen nicht erst seit Winnenden gibt, sondern schon seit Januar – ausgelöst durch den 2008 angedrohten Amoklauf am Oberstufenzentrum Handel in Kreuzberg.
„Die Umrüstung der Schulsirenen wäre sicherlich preiswerter als der Einbau von Lautsprechern in allen Räumen“, schätzt Joachim Willuhn vom Schulamt Mitte. In seinem Bezirk verfüge bisher kaum eine Schule über Lautsprecher. Und Willuhn fragt sich, woher das Geld kommen soll.

Am Wochenende hatte der Landeselternausschuss gefordert, alle Schulen mit Lautsprechern auszustatten. Allerdings weiß kein Bezirk, woher das Geld dafür kommen soll. „Wir haben doch jetzt schon ein Minus von 68 Millionen Euro, was die Sanierungen im Bezirk angeht,“ sagt etwa Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Bernd (CDU) aus Reinickendorf. Sie vermutet, dass weniger als zehn Prozent der Schulen mit den geforderten Schutzmaßnahmen ausgestattet sind: Der Landeselternausschuss hatte nicht nur Lautsprecher gefordert, sondern auch Türen, die von innen zu verriegeln sind. Auch das wäre nur mit erheblichen Investitionen zu leisten.

„Nur die Lehrer können die Räume verriegeln“, beschreibt Peter Streubel vom Menzel-Gymnasium die Ausgangslage. Wenn man alle Schulen so umrüsten wollte, dass auch Schüler sie verriegeln können, würde das nicht nur viel Geld kosten, sondern auch dazu führen, dass Schüler die Lehrer aus Spaß ausschließen, vermuten Schulpraktiker.
Die Bezirke gehen aber vor allem aus Kostengründen auf Abstand zu den Vorschlägen des Landeselternausschusses. Marzahn-Hellersdorfs Bildungsstadtrat Stefan Komoß (SPD) weiß zwar, „dass unsere Sicherungssysteme an Schulen nicht für einen Amokfall ausgestattet sind“. Aber angesichts der Kosten lasse sich daran auch nicht viel ändern. Deshalb fordert Schultze-Bernd, „dass der Senat die Bezirke unterstützen muss“.

Daran ist allerdings nicht zu denken. „Fragen der baulichen Umsetzung fallen in die Zuständigkeit der Bezirke“, heißt es dazu knapp aus der Bildungsverwaltung. Die aber kommen schon jetzt nicht mit ihrem Geld aus, um die Schulen baulich zu unterhalten. Neuköllns Stadtrat Schimmang schätzt, dass es etwa 18 Millionen Euro kosten würde, um alle Berliner Schulen mit Lautsprechern auszustatten. Mehr als das Doppelte käme hinzu für neue Schlösser. Deshalb wird es wohl höchstens ein neues Amoksignal der Schulsirenen geben.


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