Palast der Republik : Schleichender Abriss

Der Palast der Republik müsste längst weg sein. Aber die Baustelle erscheint ausgestorben. Der Abriss ist ein Prozess mit offenem Ende, die Kosten explodieren.

Christian van Lessen
Palast
Weil immer neuer Asbest gefunden wird, kommt die Beseitigung nicht voran. -Foto: Heinrich

Was ist hier los? Unbeweglich stehen die Kräne, kein Arbeiter zeigt sich weit und breit, nicht mal ein Mann vom Wachdienst. Nur Touristen stehen am Bauzaun und fotografieren die makabre Kulisse. Sonst geschieht nichts an einer der wichtigsten Ecken der Stadt. So tot wie die Baustelle des Palastes der Republik auf dem Schlossplatz wirkt kaum eine andere. Woanders wird hinter Planen gearbeitet – hier aber ist alles tatenlos offen und sieht so aus, als wachse Moos über letzte Gerüste. Es wirkt nicht so, als habe man es eilig, das hässlichste Bauwerk Berlins verschwinden zu lassen.

„Die Minusgrade“, sagt Manuela Damianakis von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Ruhe ist wohl auch neujahrsbedingt, ein Bauleiter sagt am Telefon, erst am 7. Januar gehe es wieder los. Dann setzt sich fort, was sich bald ins zehnte Jahr zieht und kein Ende nehmen will. Was als Asbestbeseitigung begann und sogar endete, sich dann zum teilweisen Abriss entwickelte – bis es zu einer Kombination von neuer Asbestbeseitigung mit neuem Teilabriss kulminierte.

Der Ort ist voller überraschender Wendungen, stets neuer Asbestfunde, immer höherer Kosten. Ein Prozess mit offenem Ende. Genaue Termine, wann der Palast der Republik wirklich dem Erdboden gleich geworden ist, wollen und können die Verantwortlichen guten Gewissens offenbar nicht mehr nennen. Und allmählich beginnt sich die zerfledderte Ruine ins Stadtbild einzuprägen, auch als Gruselfoto, das Touristen als einen der Anblicke Berlins mit nach Hause nehmen.

Aber es gibt zeitliche Zwänge, weil doch das Humboldt-Forum, das Stadtschloss, möglichst schon 2010 seinen Bauplatz bekommen muss. Der Palast der Republik soll nach neuestem Stand im ersten Quartal 2009 verschwunden sein. Doch „ich bin vorsichtig geworden“, sagt Manuela Damianakis. Was sind nicht schon für Termine genannt worden; der letzte, der sich nach vielen anderen Daten eingeprägt hat, war Ostern 2007.

Schon 2000 sollte der Palast nur noch ein asbestbefreites Stahlgerippe sein, also noch viel abgemagerter aussehen als heute. Dafür ist er mittlerweile seit vielen Monaten zweigeteilt, mit großer Abrisslücke in der Mitte. Der Gebäudeteil, der zum Berliner Dom und zum Lustgarten weist, wirkt bei genauerem Hinsehen sogar noch auffallend kompakt, in der obersten Etage sind noch jene bronzefarbenen Scheiben zu sehen, die einst das Markenzeichen des Gebäudes waren.

Vom Nikolaiviertel aus gesehen wirkt der Palast geradezu bombastisch mit seinen kahlen Betonmassen und freigelegten Stahlträgern. Wie eine Trutzburg, die sich nur schwer erstürmen lässt, wie ein Koloss, der sich gegen den Abriss stemmt und auch gegen die Vorstellung, er könnte in einem Jahr verschwunden sein.

Als mit der Asbestbeseitigung begonnen wurde, war noch nicht einmal klar, ob der Palast in veränderter Form wieder entstehen würde. Rund 80 Millionen Euro kostete die erste große Entgiftung, und als es dann um den Abriss ging, war erst von zwölf, dann von zehn weiteren Millionen Euro Kosten die Rede, weil sich doch immer wieder unerwarteter Asbest fand.

Nun wird eine Summe von fast 30 Millionen Euro genannt, weil das giftige Zeug nach wie vor dort auftaucht, wo es auch Gutachter nicht für möglich hielten: Im Verfüllmaterial zwischen Betonplatten und Stahlträgern, in den Fugen an den Fenstern, in den waagerechten Profilen der Aluminium-Fassaden.

Asbest, heißt es aus der Senatsverwaltung, sei ganz offenbar wenig fachmännisch überall hingespritzt worden, auch dorthin, wo es völlig sinnlos war. Unabhängige Experten hatten in den vergangenen Jahren oft betont, die Kostenexplosion sei nicht überraschend, weil schon zum Zeitpunkt der Ausschreibung hätte klar sein müssen, dass Reste des giftigen Baumaterials immer wieder an verborgenen Stellen des Palastes gefunden würden. Gerichtliche Auseinandersetzungen mit Baufirmen werden nach Auskunft der Senatsverwaltung nicht geführt; für die Abrisskosten kommt der Bund auf.

Noch immer also zeigt sich an diversen Stellen Asbest, die Beseitigung, so wird versichert, erfolge unter ständiger Aufsicht des Landesamtes für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit. Man habe Fundstellen auch „eingehaust“, heißt es. Derzeit aber bietet die Baustelle ein weithin freies Sichtfeld, durch das der kalte Ostwind pfeift. Am Spreeufer sind Stahlträger gestapelt, die irgendwann ein Frachtkahn abholt.

In der nächsten Woche also soll sich die Baustelle wieder beleben. Viel Arbeit wartet. Es könnte das wirklich letzte Jahr des Palastes der Republik sein. Könnte. Die Erfahrungen lehren, dass man sich hier auf Termine nicht unbedingt verlassen darf. Christian van Lessen

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