Porträt : Der lange Marsch der Lucy Redler

"Ihr seid die Joschka Fischers von morgen!“ - solche Vorwürfe muss sich Lucy Redler von Mitstreitern anhören. Warum die ehemalige WASG-Spitzenkandidatin trotzdem der Berliner Linkspartei beigetreten ist.

Lars von Törne
Redler
Beigetreten. Lucy Redler ist jetzt Mitglied der Linken.Foto: Mike Wolff

Sie hat, wie jedes Neumitglied, ein offizielles Begrüßungsschreiben der Partei bekommen, und auch eine Einladung zur nächsten Mitgliederversammlung. Da will Lucy Redler auch hingehen – falls nicht vorher doch noch jemand in der Berliner Linkspartei einschreitet und offiziell Widerspruch einlegt. Denn Redler, die vor zwei Wochen im Bezirksverband Neukölln in die Partei Die Linke eingetreten ist, ist nicht die Art von Genossin, über deren Mitwirken sich die Berliner Parteifreunde von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine besonders freuen würden.

Im Gegenteil. Seitdem die junge Sozialökonomin vor zwei Jahren als Spitzenkandidatin der damals noch nicht vollends mit der PDS zur Linken fusionierten Protestpartei WASG bei der Abgeordnetenhauswahl antrat, an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und die Berliner Linkspartei danach durch die Gründung weiterer Splittergruppen von Linksaußen herausforderte, gilt die mediengewandte Redler als personifizierter Störfaktor links angehauchter Realpolitik im rot-roten Senat.

"Die Partei weiter nach links drücken"

Das ist auch der Grund, weswegen die 29-jährige jetzt, nach jahrelangem Kampf gegen die als neoliberal angeprangerte Koalition aus SPD und Linken im Abgeordnetenhaus, der Linken doch noch beigetreten ist. Die Partei stehe davor, sich durch Regierungsbeteiligungen wie in Berlin sich „weiter dem Establishment anzupassen“ – es gebe „aber auch die Möglichkeit, die Partei weiter nach links drücken“. Das will Redler nun versuchen, zusammen mit einer Gruppe von Mitstreitern ihrer linksradikalen, trotzkistischen Gruppierung SAV (Sozialistische Alternative), die den Eintritt als Teil ihrer Strategie sieht, Einfluss auf innerlinke Debatten zu nehmen.

Das nehmen jedoch manche ihrer Weggefährten Redler übel. Plötzlich befindet sie sich in einer Rolle, in der sonst immer ihre Lieblingsgegner von der Berliner Linken steckten: Selbsterklärte Revolutionäre und Vertreter sich noch linksradikaler als die SAV gerierender Gruppen werfen Redler und ihren Mitstreitern vor, sich einer Partei anzuschließen, die aus ihrer Sicht für unsoziale Politik, Privatisierung und Ausbeutung der Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes steht – und diese Politik durch ihr Mitwirken zu legitimieren.

Auftritt im "Haus der Demokratie"

Diese Woche stellte sich Redler zum ersten Mal nach ihrem Eintritt in die Berliner Linke der Debatte mit ihren einstigen Weggefährten. „Was sollen die Linken in der Linken?“ lautete die Frage, und so mancher Vertreter der linkssektiererischen Splittergruppen-Szene Berlins fand: Gar nichts. Es sei „illusorisch“, angesichts der Senatspolitik in der Berliner Linkspartei etwas grundlegend verändern zu wollen, kritisierten etliche der gut 100 Diskutierenden, die sich im „Haus der Demokratie“ in Prenzlauer Berg versammelt hatten, dem einstigen Zentrum der DDR-Bürgerrechtsbewegung.

Redler hingegen verteidigte ihren Parteieintritt, indem sie auf die Diskrepanz zwischen der Politik der Linken in der Berliner Koalition und die Parteipositionen in der Bundespolitik verwies. Da die Linke bundesweit als Opposition gegen Hartz IV, Privatisierung und den Afghanistan-Einsatz wahrgenommen werde, wolle sie die Partei nicht weiter von außen kritisieren, sondern sie von innen verändern und eine parteiinterne „marxistische Opposition“ aufbauen.

Dass dies möglich ist, bezweifeln jedoch viele ihrer einstigen Mitstreiter. Sie befürchten, dass so der revolutionäre Elan verlorengeht. Ein Redler-Kritiker rief der Politikerin und ihren ebenfalls in die Linke eingetretenen SAV-Genossen zu: „Ihr seid die Joschka Fischers von morgen!"

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