Position : Homophobie: "Kein Staat nimmt uns den Kampf ab"

Vor zwei Wochen hatte der CDU-Politiker Sascha Steuer die Debatte um homophobe Gewalt ins Rollen gebracht. In seiner Position „Die Übergriffe machen uns Angst“ forderte er, die Gewalt junger Migranten nicht länger zu dulden und warf der rot-roten Koalition Untätigkeit vor. Jetzt antwortet ihm Klaus Lederer.

Klaus Lederer
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Setzt auf die Mitte. Klaus Lederer ist Landesvorsitzender der Berliner Linkspartei.Foto: Mike Wolff, TSP

Gewalt gegen Lesben und Schwule ist leider nicht neu. Zum Glück wird sie endlich wahrgenommen. Und Ängste sind nur zu verständlich. Hier gilt: Straftaten gegen Anderslebende, Andersdenkende, Andersliebende sind Fälle für Staatsanwaltschaft und Polizei. Egal, wer die Täter sind. Da gibt es kein Vertun. Niemand kann ernsthaft behaupten, dass Berlin sich da etwas vergibt. Wo noch klärt der Polizeipräsident persönlich Beamte auf, die sich homophob äußern? Dazu kommt die Opferbetreuung. Das passiert in Berlin. Homophoben Straftaten wird hier entschlossen begegnet. 

Die Hälfte der deutschen Jungs findet Männerküsse "abstoßend"

Schwieriger ist die Auseinandersetzung mit homophoben Einstellungen. Da hilft Polizei nicht weiter. Leider sind sie viel weiter verbreitet, als Sascha Steuer behauptet. Das wäre zu diskutieren! Steuer nimmt statt dessen die eigene Betroffenheit zum Anlass, um einen Rundumschlag gegen „Multikulturalismus“ und Migranten zu führen: Wem Homosexualität nicht passe, der solle „unser Land“ verlassen, dies verstoße gegen „unsere Wertevorstellung“. Unsere Wertevorstellung? Was heißt denn hier „wir“?

Über 50 Prozent der deutschen Jungs in Berlin finden Männerküsse abstoßend. Homosexualität sei „entehrende Leidenschaft und eine widernatürliche Verirrung“, lehrte Erzbischof Dyba. „Sünde“ ist sie 2008 für Kardinal Meisner, „nicht normal“ für Gloria von Thurn und Taxis. CDU-Senatoren blockierten in den 90ern, dass Homosexualität an Berliner Schulen Thema wird – sie sei eine „nicht erstrebenswerte Erziehungsform.“ Die Union kämpft heute gegen EU-Antidiskriminierungsrecht. In Berlin stimmte sie jüngst mehrheitlich gegen die Gleichstellung der Beamten. Erst seit 1994 ist §175 StGB abgeschafft, die „Homoehe“ bis heute noch nicht gleichgestellt.

"Kein Staat nimmt uns den Kampf ab"

Zu all dem bei Steuer kein Wort. Er bleibt nur bei der einseitigen Anklage stehen, beim hilflosen Ruf nach Erlösung durch den Staat. Für einen schwulen Politiker ist das ziemlich dünn. Wir Lesben und Schwule, lehrt alle Erfahrung, müssen unsere Emanzipation in der Gesellschaft selbst erkämpfen. Dieser Kampf dauert schon Jahrzehnte und ist schwierig. Kein Staat nimmt uns das ab.

Ja, der Staat kann uns helfen. In Berlin tut er das engagiert. Mit der Förderung für Aufklärungsprojekte, in Konferenzen, Arbeits- und Gesprächskreisen, im Migrationsbeirat, im Ratschlag für Demokratie und mehr. Man muss schon blind sein, um das nicht zu sehen. Und wir fordern auch von unseren Migranten-Communities die Debatte darüber ein. Ja, das Erreichte ist nicht das Erreichbare. Institutionen sind oft träge. Aber Berlins Verwaltung, die uns manchmal die Schul- und Jugendarbeit schwer macht, ist nicht migrantisch!

"Argumente vom Homo-Stammtisch"

Unser Kampf fängt in der Mitte der Gesellschaft an. Homophobie muss nämlich überall skandalisiert, sie kann weder ethnisiert noch abgeschoben werden. Steuer dagegen „entsorgt“ sie auf dem Rücken der ohnehin strukturell diskriminierten Migranten, bürgert sie aus, erklärt sie zum „Problem anderer Leute“. Das ist in der Tat nicht die „Linie“ der rot-roten Koalition. Wir machen uns die Mühe, das Problem hier anzugehen. Welches Land würde uns Fürstin Gloria, Kardinal Meisner und die halbe CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus auch abnehmen?

Diskriminierung ist gerade in der Mehrheitsgesellschaft allgegenwärtig. Wo bleiben da die Empörung und ein paar gute Ideen von Sascha Steuer? Damit, statt am Homo-Stammtisch, könnte und sollte er sich seine Meriten verdienen. Es wäre ihm hoch anzurechnen.

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