Privatschule : Glaubenskampf um freie Schule in Kreuzberg

Lehrer und Anwohner wehren sich heftig gegen die geplante Privatschule im Bergmannkiez. Bei einer Diskussion warfen Eltern und Lehrer dem Bezirksamt vor, „Handlanger“ einer verfehlten Bildungspolitik des Senats zu sein.

Thomas Loy
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Gespräch in der Kirche. Anwohner und Kreuzberger Bezirkspolitiker diskutierten über Pläne für eine neue Privatschule. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Schulstadträtin Monika Herrmann (Grüne) rief bei der Diskussion in der Passionskirche am Marheinekeplatz
ihrerseits die Anwesenden auf, „gegen diesen Unsinn von Politik vorzugehen“. Konkret geht es um den Standort der früheren Rosegger-Schule in der Bergmannstraße. In dem Gebäude soll wieder eine Grundschule entstehen, weil die Zahl der Kinder im Kiez wieder steigt. Bis 2012 rechnet Stadträtin Herrmann mit 200 zusätzlichen Einschulungen im Viertel. Dennoch würde die Senatsbildungsverwaltung keine weitere Schule akzeptieren, weil pädagogisches Personal und Räume immer nur pauschal für den gesamten Bezirk zugeteilt würden. Da andernorts im Bezirk Schulräume leerstehen, gebe es – pauschal betrachtet – keinen zusätzlichen Bedarf. Diese bürokratische Sicht der Dinge empörte viele Teilnehmer der Veranstaltung am Dienstagabend.

Vier Bewerber gibt es für den Standort

Der Bezirk will das Dilemma durch eine freie Schule lösen. Vier Bewerber haben ihr Interesse bekundet, darunter die Evangelische Kirche und ein türkischer Verein. Eine freie Schule würde die bisher einigermaßen ausgeglichene Balance der staatlichen Schulen im Kiez zum Kippen bringen, befürchten viele Eltern. Ein Kritiker brachte es auf den Punkt: „Freie Schulen sollen eine Alternative sein und kein Ersatz.“ Der Verein Dreigroschen, der die Diskussion veranstaltete, kündigte Protestaktionen gegen die Festlegung auf eine freie Schule an.

Die Diskussion in der Passionskirche nahm einen Verlauf, der typisch für Kreuzberg ist, wo lokale Zwiste gern als grundsätzliche Konflikte ausgetragen werden. „Yes, we can“ rief jemand in die dicht besetzten Bankreihen der Passionskirche. Die Barack-Obama-Parole als Schlachtruf gegen die starre Senatsbürokratie. Der tief verwurzelte Kreuzberger Basistrotz hat ein neues Thema gefunden.

Diskussion um Zukunft der Lenau-Grundschule

Solidarität mit den Schwachen ist auch eine alte Kreuzberger Tugend. Zu den Schwachen gehört die Lenau-Grundschule, die als einzige im Kiez noch freie Plätze hat und allein dadurch in den Ruf geraten ist, eine „Restschule“ zu sein. Wenn eine freie Schule als Konkurrenz auftritt, seien die Tage der Lenau-Grundschule gezählt, befürchten die Kritiker.

Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) sieht zwar keinen „Automatismus“ des „Leerlaufens“, forderte das Lenau-Kollegium aber auf, am Konzept und Image der Schule zu arbeiten, und zwar schnell. Dafür fing er sich eine Watsche von der anderen Podiumsseite ein: „Ihr Urteil zur Lenau-Grundschule: Bullshit“, giftete Vera Vordenbäumen vom Bezirkselternausschuss. Auch ein junger Vater brach eine Lanze für die Lenau-Schule. Er habe sich vor der Einschulung seines Kindes heftig gewehrt, fühle sich dort nun aber gut aufgehoben. Zusammen mit anderen Vätern will er jetzt in die Kitas gehen, um Eltern die Angst vor der vermeintlichen Restschule zu nehmen.

Es kamen auch Redner zu Wort, die freie Schulen als „Bereicherung“ empfinden und als Konkurrenz mit positiven Impulsen für die staatlichen Schulen. Stadträtin Herrmann sieht da nur ein kleines Problem: „Öffentliche Schulen sind bis auf wenige Ausnahmen derzeit nicht konkurrenzfähig.“

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