Provokation : Sarrazin beleidigt Berliner Schüler

Berlins Finanzsenator Sarrazin hat wieder zugeschlagen: Nachdem er Hartz-IV- Empfängern seine Menütipps zum Besten gab, hat er nun eine neue Zielgruppe gefunden - die Schüler.

Werner van Bebber
Thilo Sarrazin
Streitbarer Senator. Thilo Sarrazin geht keiner Konfrontation aus dem Weg. -Foto: ddp

Berlin - Der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) hat wenige Tage nach dem Ärger über seinen Speiseplan für Hartz-IV-Empfänger Berliner Schulabgänger mit einer spöttischen Bemerkung verunglimpft. Bei einer Veranstaltung in Berlin sagte Sarrazin, dass die Schüler in Bayern ohne Schulabschluss mehr könnten als „unsere in Berlin mit Abschluss“. Er reagierte damit auf die Feststellung eines Redners, dass Bayern zwar bessere Ergebnisse bei den Pisa-Studien erziele, aber auch die höchste Anzahl von Schülern ohne Abschluss habe. Sarrazins Bemerkung soll viele der hundert Gäste in der Landesvertretung von Rheinland-Pfalz zum Lachen gebracht haben. Das berichtete die in Würzburg erscheinende „Main-Post“ am Samstag. Sarrazins Sprecherin wollte die Bemerkung gegenüber dem Tagesspiegel am Sonntag nicht kommentieren.

Sarrazins provokanter Stil ärgert inzwischen viele in der Berliner SPD. Mit seinem Essensplan für Hartz-IV-Empfänger hatte der Sozialdemokrat allein 600 000 Berliner Transferleistungsempfängern deutlich machen wollen, dass für eine Erhöhung der monatlichen Zuwendungen kein Anlass bestehe. Das nahm man ihm nicht allein in der Linkspartei, dem Koalitionspartner, übel. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hielt nicht viel von der Einkaufsliste des Finanzsenators. Wowereit sagte Mitte Februar im Berliner Abgeordnetenhaus, es gebe keinen Grund für die Bezieher höherer Einkommen, ärmeren Menschen Vorschläge zu machen, was sie essen und einkaufen sollten. Es sei auch falsch, so zu tun, als könne man von dem Regelsatz üppig leben.

Die jüngste Bemerkung über die Berliner Schulabgänger passt zu Sarrazins kritischer Einstellung zum Berliner Schulsystem. Schon vor Jahren hatte der Finanzsenator in einer Debatte über die Zukunft der Berliner Schule gesagt, das größte Problem der Schulen liege in den Schulen selbst.

SPD-Fraktionschef Michael Müller reagierte am Samstag mit offener Kritik und sagte, er sei „erstaunt und verärgert“ über den Senator. Mahnende Worte aus der Fraktion haben Sarrazin aber nie beeindruckt. SPD-Fraktionssprecher Peter Stadtmüller sagt ebenfalls am Samstag, Sarrazins Meinung über die Berliner Schulabgänger sei „wie in vielen anderen Fragen auch“ eine absolute Einzelmeinung.

In der SPD-Fraktion hat der immer wieder polarisierende Finanzsenator nicht mehr viele Freunde, in der Linkspartei ohnehin nicht. Das muss ihn nicht kümmern, solange sich Wowereit mit Kritik zurückhält. Senatssprecher Richard Meng sagte zu Sarrazins jüngster Provokation auch nur: „Vor Vergleichen sollte man sich in der Bildungspolitik immer hüten“, und er fügte hinzu: „Man muss nicht jeden Witz kommentieren.“

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