Reinickendorf : Populär, effektiv – und schwer in der Kritik

Reinickendorfs Bürgermeisterin Marlies Wanjura kämpft um ihren Ruf. SPD und Grüne setzen der seit 1995 regierenden Amtschefin zu.

Rainer W. During

Lange Zeit galt sie als eine der erfolgreichsten Bezirksbürgermeister in Berlin, doch seit Monaten häufen sich für Marlies Wanjura die negativen Nachrichten. SPD und Grüne haben die 63-jährige Christdemokratin mit immer neuen Vorwürfen schwer getroffen; darunter hat auch ihre Gesundheit gelitten. Seit Monaten ist Wanjura krankgeschrieben. Nach Beinahe-Herzinfarkt im Oktober, Krankenhausaufenthalt und Kur bereitet sie sich jetzt im Waidmannsluster Zuhause auf die Rückkehr ins Amt vor.

Die Vorwürfe der Opposition wiegen schwer: Bei der Weichenstellung für den Bau des Borsighafens soll Wanjura gegen das Haushaltsrecht verstoßen haben. Aufgrund einer anonymen Anzeige wegen vermeintlicher Untreue ermittelt in diesem Zusammenhang die Staatsanwaltschaft. Das Bezirksamt feuerte in Wanjuras Abwesenheit deren Stabsstellenleiterin für Wirtschaftspolitik. Jetzt bemängeln SPD und FDP nach Akteneinsicht auch noch die unklare Verwendung von Spendengeldern. Vizebürgermeister Peter Senftleben, zugleich Bezirkschef der Sozialdemokraten, sah sich veranlasst, den Landesrechnungshof einzuschalten.

Marlies Wanjura weist die Vorwürfe zurück und betont: „Ich habe als Bürgermeisterin zwölf Jahre zum Wohle von Reinickendorf gearbeitet.“ Nach ihrer Philosophie befragt, zitiert die durchaus machtbewusste Bürgermeisterin Albert Schweitzer: „Wenn ich wirklich etwas will, finde ich Wege, wenn ich wirklich etwas verhindern will, finde ich Gründe.“

Die Wege der Bürgermeisterin wichen bisweilen von den eingetretenen Pfaden sturen Verwaltungsdenkens ab. Sie sind unkonventionell, aber effektiv – und es hat sie über die Jahre populär gemacht. Nun aber hat dies hemdsärmelige Vorgehen ihr Ärger beschert. So kassierte sie zur Finanzierung der notwendigen Vorarbeiten des Hafenbaus kurzerhand einen Vorschuss auf den Eigenanteil des Investors und schloss einen umstrittenen Vorvertrag. Ein solcher „Letter of Intend“ sei in der Wirtschaft längst gängige Praxis, so die Kommunalpolitikerin. Auch die Verwaltung müsse moderne, neue Instrumente akzeptieren. Entscheidend sei, dass der Hafen jetzt „auf unseren Grundlagen“ gebaut wird und damit 1000 Arbeitsplätze gesichert seien.

Um Marlies Wanjura zu verstehen, muss man sich mit ihrer Biografie beschäftigen. Geboren in den Kriegswirren im Januar 1945 wurde sie Krankenschwester wie ihre Mutter. Nach Hochzeit, Geburt zweier Söhne und sieben Jahren Erziehungspause dann Werksschwester bei Otis und Ausbilderin für Schwesternhelferinnen beim Malteser Hilfsdienst. Für die Caritas baute die Reinickendorferin danach einige der ersten Berliner Sozialstationen auf, die sie ab 1982 als Mitarbeiterin der Senatsverwaltung für Gesundheit betreute. Das Spruchkärtchen, das ihr damals ein Aidskranker schenkte, trägt sie noch heute als Talisman im Portemonnaie.

Bereits 1967 war die aus einer christdemokratisch geprägten Familie stammende Krankenschwester der CDU beigetreten. Doch erst die damalige Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien ermutigte die Parteifreundin 25 Jahre später zur Politkarriere. „Sie hat mir damals gesagt, wie wichtig es sei, dass man in der Politik Fachleute hat“, erinnert sich Wanjura. Ihre weiteren politischen Vorbilder sind zwei verstorbene Sozialdemokratinnen, die über die Grenzen ihrer Partei hinaus große Anerkennung fanden: Weddings Bürgermeisterin Erika Heß und Brandenburgs Sozialministerin Regine Hildebrandt.

Ihr Wunsch, bei den ersten gesamtberliner Wahlen 1992 für das Abgeordnetenhaus zu kandidieren, stieß bei den damals noch überwiegend männlichen Parteifreunden auf wenig Begeisterung. Wanjura setzte sich durch, doch die Skepsis wich erst, als sie für ihre Partei mit stolzen 52,7 Prozent den Wahlkreis Märkisches Viertel gewann. Als vier Monate später der damalige Gesundheitsdezernent zum Staatssekretär berufen wurde, war es erneut Laurien, die Wanjura ermunterte, als Stadträtin ins Reinickendorfer Rathaus zu wechseln. Sie hatte schon damals erkannt, dass sich die angehende Politikerin lieber mit Menschen als mit Paragrafen auseinandersetzt.

„Ich habe schon ein wenig ein Helfersyndrom“, räumt Wanjura ein. Ihre erste große Aufgabe war die Enthospitalisierung der Patienten der Bonhoeffer-Nervenklinik. Die zunächst nicht einfache Suche nach Wohnungen für psychisch Kranke brachte erste Kontakte zur Wirtschaft. 1995 gewann die Christdemokratin im bislang „roten“ Reinickendorf die Bürgermeisterwahl. Zu ihren ersten Amtshandlungen gehörte die Bildung einer übergreifenden Arbeitsgruppe, in der Investoren erstmals einen zentralen Ansprechpartner fanden.

1999 wurde Marlies Wanjura, die bei ihren Fans als „Mutter der Nation“ gilt, mit dem Traumergebnis von 56,5 Prozent wiedergewählt. 2006 ging sie mit immer noch 41,8 Prozent – dem höchsten Wert, den die CDU in Berlin erreichte – in die vierte Amtsperiode. In der Standortsicherung und Ansiedlung von Unternehmen sowie der Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen sieht die Bürgermeisterin eine ihrer vorrangigen Aufgaben. Dazu gehört auch die Initiierung von inzwischen 42 Partnerschaften zwischen Schulen und Firmen. Zweimal kürte die IHK Reinickendorf zum wirtschaftsfreundlichen Bezirk.

„Verwaltung ist kein Selbstzweck, sondern ein Dienstleister für die Menschen“, sagt Wanjura. Dass es heute so viele Menschen gibt, die sich für ihren Bezirk verantwortlich fühlen, miteinander reden und planen, bezeichnet sie als ihren größten Erfolg. Rückschläge können die Hobbyköchin, die in ihrer Freizeit taucht, läuft und radelt, nicht entmutigen: „Es gibt keine Misserfolge. Wenn etwas nicht klappt, muss man andere Wege gehen, um sein Ziel zu erreichen“.

Von den Vorwürfen zum Hafenprojekt sei nur ein formaler Fehler übriggeblieben, „den ich nicht als relevant ansehe“, sagt Marlies Wanjura. Auch bei der jüngsten Diskussion um die Spenden geht es für sie lediglich um Formalien. Sie selbst habe meist nur als Vermittlerin zwischen Gebern und Empfänger fungiert. „Ich habe weder meinen Friseur noch meinen Schneider davon bezahlt und auch meine Partei nicht bevorzugt.“ Dass sich für einige ihrer Gegner „die politische Arbeit in der Kritik an anderen erschöpft“, findet sie traurig: „Denkt an die Kommune und lasst uns die Gemeinsamkeiten herausarbeiten.“

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