Rot-Grün 1989 : Von Männern, Macht und Mode

Im ersten rot-grünen Berliner Senat saßen 1989 acht Frauen. Nun trafen sie sich wieder zum Plausch - natürlich im Rathaus Schöneberg.

Rita Nikolow
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Damenrunde. Gruppenbild im Rathaus Schöneberg mit den weiblichen Mitgliedern des Senats aus den 80er Jahren: Sybille Volkholz,...

Walter Momper sagte an diesem Abend mal nichts, zumindest nicht auf dem Podium: Denn dort lag der Frauenanteil am Dienstagabend bei hundert Prozent, im Publikum bei 95.

Die Diskussionsrunde im Rathaus Schöneberg, das vor 20 Jahren das Rathaus von West-Berlin gewesen ist, war größer als bei Anne Will: zwei Moderatorinnen und jene acht Frauen, die der frisch gebackene Regierende Bürgermeister Walter Momper (SPD) 1989 in den ersten rot-grünen Senat Berlins holte, nachdem überraschend er die Wahl gewonnen hatte und nicht sein CDU-Rivale Eberhard Diepgen. Die fünf männlichen Senatoren waren in Mompers Senat in der Minderheit.

Um sich zu vernetzen, haben sich die Frauen damals regelmäßig getroffen, dienstags vor den Senatssitzungen, zum sogenannten „Hexenfrühstück“. „Den Begriff habe ich eingeführt“, sagte Anke Martiny (SPD), die 1989 für kulturelle Angelegenheiten zuständig war. Übernommen habe sie ihn von einer Abgeordneten aus Schleswig-Holstein.

Jutta Limbach (SPD), damals Justizsenatorin und später Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, sah die regelmäßigen Treffen im Rückblick durchaus kritisch: „Wir haben mit diesen Treffen noch nicht den Gestaltungswillen vermittelt, der notwendig gewesen wäre.“ Ihr eigenes Verhältnis zur Macht sei „weder erotisch noch neurotisch“ gewesen.

Dass sie ein positives Verhältnis dazu habe, eher mehr Einfluss zu besitzen als weniger, gab Sybille Volkholz (AL) zu, die ehemalige Senatorin für Schule, Berufsbildung und Sport: „Aber ich glaube, es fällt Frauen leichter, auch Kompromisse zu schließen, wenn sie nachhaltige Veränderungen erreichen wollen.“ Als Schulsenatorin habe sie damals vor allem mit ihrer Verwaltung zu kämpfen gehabt. „In der Schulverwaltung war so viel Beton auf einem Haufen“, stimmte auch die ehemalige Bürgermeisterin und Senatorin für Gesundheit und Soziales, Ingrid Stahmer (SPD), zu.

Und dann war da noch die Sache mit der Mode, die vor zwanzig Jahren nicht nur der Wissenschaftssenatorin Barbara Riedmüller (SPD) auf die Nerven ging: „Ich bin nie wieder in meinem Leben so oft zu meinem Outfit befragt worden“, erinnert sie sich. Als sie damals zu Gast in einer Fernsehsendung war, habe die Kamera ständig ihre Beine gefilmt. Familiensenatorin Anne Klein (AL) hat schon 1989 lieber Hosen getragen – und sich dazu bekannt, dass sie Frauen liebt.

Heide Pfarr (SPD), damals zuständig für die Bundesangelegenheiten, hat am Senatorenjob vor allem eines gestört: „Dieses zeitliche Verbrauchtwerden war schlimm“, sagte sie. Das habe damit zu tun gehabt, dass unter Männern die Regel gelte, dass der am klügsten sei, der am längsten rede. „Wir wollten eine neue Kultur schaffen und klarmachen, dass der am klügsten ist, der die Dinge am schnellsten auf den Punkt bringt.“ Damit hätten sich die Senatorinnen aber leider nicht durchgesetzt. Michaele Schreyer (AL), damals Umweltsenatorin und spätere EU-Kommissarin, erinnerte sich aber trotzdem an eine große Solidarität – vor allem aus der weiblichen Bevölkerung.

Lange gehalten hat das rot-grüne Bündnis aber dennoch nicht: Im November 1990 traten die Senatorinnen der Alternativen Liste zurück, aus Protest gegen die Räumung besetzter Häuser, die damals zu richtigen Straßenschlachten geführt hatte. Rita Nikolow

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