Sarrazins Abgang : Warum wir ihn vermissen werden

Er war Berlins oberster Sparkommissar - jetzt hört Thilo Sarrazin auf. Seine Gegner sagen, sie werden ihn vermissen. Und Sie? Was geben Sie dem Finanzsenator mit auf seinen Weg? Sind Sie froh, dass er geht oder bedauern Sie seinen Abgang? Diskutieren Sie mit!

Stefan Jacobs,Sebastian Leber
Sarrazin am Tempelhof
Finanzsenator Thilo Sarrazin. Schon lange wurde über seinen Abgang aus der Politik gemutmaßt, jetzt ist es klar. -Foto: dpa

Er gilt als brillanter Haushälter, als Berlins oberster Sparkommissar. Wenn es ums Kürzen ging, kannte er kein Pardon. Seine Sprüche waren gefürchtet. Sein Motto in sieben Jahren Amtszeit lautete: „Ich sage, was ich denke.“ Thilo Sarrazin verabschiedet sich als Finanzsenator. Zeit, Adieu zu sagen – auch für seine Gegner. Sie tun es mit Anerkennung. 

„Berlin brauchte ihn“
Klaus Lederer, Landesvorsitzender der Linkspartei
„Thilo Sarrazin war der gestrenge Buchhalter, den Berlin nach all den Jahren, in denen die große Koalition mit ungedeckten Schecks nur so um sich warf, gebraucht hat. Sein Verdienst ist es, das Chaos in den Haushaltsbüchern bereinigt und den Blick für die reale Kassensituation geschärft zu haben. Ich werde die Perspektive des Kassenwarts, der die Vielfalt des Lebens auf die von ihm geliebten Zahlen reduzierte, politische Entscheidungen zu Rechenaufgaben und Menschen zu Kostenfaktoren machte, dennoch kaum vermissen. Ebenso seine im Selbsttest ermittelten Ernährungshinweise. Fehlen wird mir, wie er mit knappen Worten die Luftbuchungen von Bahnchefs, Opposition oder Finanzministern bloßstellte.“

Sarrazins Sprüche
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1 von 29Foto: ddp
07.02.2012 08:19"Wenn die Energiekosten so hoch wären wie die Miete, würden sich die Leute überlegen, ob sie nicht mit dicken Pullovern bei 15, 16...




„Er nahm seinen Auftrag sehr ernst“
Monika Herrmann (Grüne), Jugendstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg


„Das Positive zuerst, es fällt auch knapp aus: Thilo Sarrazin hatte sich dem Konsolidierungskurs mit Haut und Haaren verschrieben, er nahm seinen Auftrag sehr ernst. Leider übertrieb er es stets, das Ergebnis sind zu wenig Personal in den Ämtern, der Sanierungsrückstand in Schulen und vieles mehr. Der Senat hat das inzwischen gemerkt, deswegen wird jetzt an allen Ecken nachgebessert.“

„Man konnte auch über ihn schmunzeln“
Rose-Marie Seggelke, GEW-Vorsitzende

„Für die Schulen und Kitas war Sarrazins Amtszeit eine Katastrophe. Der Senator hat den Bildungsbereich lange als seinen größten Steinbruch bei der Haushaltssanierung betrachtet, jetzt hat er endlich gemerkt, dass es so nicht weiter geht. Die Streichung der 400 Referendariatsplätze wurde ja zurückgenommen, viele andere Kürzungen nicht. Dass Berlin heute große Probleme hat, freie Lehrerstellen zu besetzen, weil woanders besser bezahlt wird, ist natürlich ein direktes Resultat des Sparkurses. Ob mir der Senator fehlen wird? Ein bisschen vielleicht seine überraschenden Sprüche. Solange man Thilo Sarrazin nicht ganz ernst nahm, konnte man über manche seiner Äußerungen, seiner kleinen Hiebe und Stiche, sogar schmunzeln.“

„Seine Absichten waren lobenswert“
Wolf Burkhard Wenkel, Geschäftsführer Fachgemeinschaft Bau

„Sarrazins Sparkurs hat der Bauwirtschaft geschadet, weil das Land deutlich weniger Geld für Neubauten und für Instandhaltung ausgibt – das betrifft sowohl die öffentlichen Gebäude als auch die Straßen. Früher kamen 20 Prozent des Auftragsvolumens von der öffentlichen Hand, jetzt sind es weniger als zehn. Den Straßen sieht man das besonders an: Viele erinnern doch inzwischen an Feldwege. Aber eines will ich auch sagen: Grundsätzlich fand ich seine Absichten lobenswert, und als Politiker schätze ich Herrn Sarrazin über alle Maßen. Er hätte bloß nicht so einseitig sparen dürfen. In der Berliner Verwaltung ist er mit seinen Versuchen ja gescheitert. Das lag allerdings an seinem Umfeld, nicht an seinen Fähigkeiten.“

„Er hat Berlins Verschuldung gestoppt“
Matthias Köhne (SPD), Bezirksbürgermeister in Pankow

„Thilo Sarrazins Leitmotiv ist: Viel Feind, viel Ehr’. Es gibt kaum jemanden in der Stadt, der sich nicht mindestens ein Mal über ihn geärgert hat. Einige Provokationen waren überflüssig. Andere waren offenbar nötig, um den Mentalitätswechsel in einer Stadt, die sich daran gewöhnt hatte, mehr Geld auszugeben als sie eingenommen hatte, zu befördern. Mit den Millionen, die aus den Konjunkturpaketen nun ausgegeben werden, besteht die Gefahr in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Ein guter Zeitpunkt, das Amt aufzugeben und in Erinnerung zu bleiben als derjenige, dem es zu verdanken ist, dass die Verschuldung in Berlin gestoppt wurde.“

„Ihn persönlich trifft keine Schuld“
Rainer Krebs, Sozialexperte beim Diakonischen Werk

„In Sarrazins Amtszeit gab es einen eklatanten Abbau sozialer Dienstleistungen. Betroffen waren sowohl die Beratungsmöglichkeiten der freien Träger als auch der Allgemeine Sozialdienst bei den Bezirksämtern, ob das jetzt in den Bereichen Jugend, Soziales oder Gesundheit war. Allerdings trifft Thilo Sarrazin persönlich keine Schuld, die Veränderungen im Haushalt wurden schließlich von der Koalition gemeinsam beschlossen. Der Senator hat diese Beschlüsse bloß mit der ihm eigenen, teilweise an der Sache vorbeigehenden Art und Weise umgesetzt. Ich würde sagen: Das System hat sich einen geeigneten Vollzieher ausgesucht.“

„Er zwang uns, kreativer zu werden“
Jürgen Lange, Zoo-Direktor bis 2007

„In Sarrazins Amtszeit sind die Landeszuschüsse für Zoo und Tierpark schrittweise gesunken, von 9,9 Millionen im Jahr 2004 auf 8,4 Millionen 2007, bis heute gehen die Kürzungen weiter. Das hat uns einerseits in Bedrängnis gebracht, aber andererseits auch gezwungen, kreativer zu werden. Wir haben gelernt, uns mehr als Service-Unternehmen zu verstehen und gezielt neue Publikumsschichten anzusprechen, etwa durch Abendveranstaltungen im Aquarium. So gesehen hat der Finanzsenator Zoo und Tierpark gute Anstöße gegeben, an die Zukunft zu denken. Außerdem bekamen wir Planungssicherheit: Früher wussten wir oft erst im Oktober, mit wieviel Landesgeld wir im nächsten Jahr rechnen konnten. Da gab es lange Phasen des Zähneklapperns. Unter Sarrazin wurden Vier- bis Fünf-Jahrespläne eingeführt, so konnten wir vorausschauen. Das halte ich für einen Fortschritt.“

„Er war ein zuverlässiger Partner“
Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin

„Sarrazin sagt, was er denkt und denkt, was er sagt. Und: Sarrazin sagte, was viele dachten, aber nicht zu sagen wagten. All das ist ungewöhnlich für Politiker, wenn sie auf Zustimmung schielen, von der sie abhängig sind. So gesehen war Sarrazin ein unabhängiger Politiker, der es auch den Hochschulen nicht leicht gemacht hat. Er ließ sich nicht ausreden, dass Studienplätze in naturwissenschaftlichen Spitzenfächern genau so viel kosten wie solche an den früheren pädagogischen Hochschulen. Manchmal irrte er sich also. Wie wir alle. Er war dennoch ein zuverlässiger Partner, der nicht wankte, in seinen Zielen nicht und auch nicht in seinen Irrtümern. Manche nennen das stur, ich nenne es ehrlich, authentisch und im besten literarischen Sinne sympathisch-melancholisch: Wissend um die Unmöglichkeit, immer das Beste zu erreichen, aber Treue haltend dem niemals Werdenden.“

„Er war offen für Argumente“
Klaus Lipinsky, Vorstandsvorsitzender der Berliner Bäder-Betriebe

„Herr Sarrazin hat nach Jahren stetiger Zuschusskürzungen bei den Berliner Bäder- Betrieben letztlich doch das nun aufgelegte 50 Millionen-Euro-Sanierungsprogramm mitgetragen. Er ist ein konsequenter Sanierer mit klaren Zielvorstellungen, dabei trotzdem offen für Argumente. Ich habe ihn als harten, aber fairen Verhandlungspartner kennengelernt.“

„Das Interesse war da“
Jochen Zinner, bis Anfang 2009 Leiter des Berliner Olympiastützpunktes

„Meine Bilanz fällt zwiespältig aus. Einerseits hat der Senat seit Jahren seinen Beitrag für unseren Haushalt nicht erhöht, inflationsbereinigt bekommen wir also immer weniger. Inzwischen trägt der Bund schon 94 Prozent, der hat die Bedeutung unserer Arbeit erkannt . Andererseits ist sehr zu loben, dass uns das Land Berlin 35 Millionen zur Bausanierung bereitgestellt hat. Damit konnten wir mehrere neue Hallen errichten und die bestehenden Trainingsstätten sanieren. Leider hat uns Finanzsenator Sarrazin nie besucht. Aber das lag wohl nicht an fehlendem Interesse, sondern an fehlender Zeit.“

Und was geben Sie Sarrazin mit auf den Weg? Wir Ihnen der unbequeme Finanzsenator fehlen? Sind Sie froh, dass er abtritt?
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