Schufa-Schuldenatlas : Wer im falschen Bezirk wohnt, bekommt keinen Kredit

Sie wohnen im Norden von Neukölln und bekommen einfach keinen Kredit? Das könnte daran liegen, dass ihr Bankberater einen Blick auf den Schufa-Schuldenatlas geworfen hat. Was in den USA verboten ist, wird hier praktiziert, meint Professor Dr. Reifner.

Michael Stürzenhofecker

BerlinDie 1927 in Berlin gegründete "Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung", die Schufa, hat wieder ihre Daten ausgewertet und einen "Schuldenkompass 2007" herausgegeben. Die Schufa Holding AG, die inzwischen in Wiesbaden sitzt, benutzt dafür die bei ihr gesammelten Daten von 64 Millionen Bundesbürgern, zum Schutz der Verbraucher vor Überschuldung, versteht sich. Daraus errechnet sie einen "Privatverschuldungsindex" (PVI), den sie auf Regionen umlegt.

Auf dem "Schulden-Atlas" ist Berlin als einziges Bundesland rot eingefärbt und gilt damit als "kritisch". Klaus Richter von der Berliner Schuldnerberatung kann das bestätigen. Er geht von 240.000 überschuldeten Haushalten aus, was einer Quote von 15,2 Prozent entspricht, Tendez steigend. Besonders bedrohlich ist in seinen Augen, dass die Schuldner immer jünger werden. Auch kann Richter bestätigen, dass es "gewisse Problembezirke" gibt.

"Der Senat hat den Atlas bestellt, um die Geldververteilung zu steuern"

Diese Problembezirke hat auch die Schufa in ihrem Atlas vermerkt. Spandau gehört dazu, der Wedding, Kreuzberg, Neukölln, aber auch Teile von Lichtenberg und Treptow-Köpenick. Und noch genauer: Jeder Bezirk ist in Sektoren eingeteilt, rote, orange, gelbe und grüne. Professor Dr. Udo Reifner vom Institut für Finanzdienstleistungen e.V. in Hamburg, der vor drei Jahren mit der Schufa zusammengearbeitet hat, hält diese Vorgehensweise für handwerklich falsch und diskriminierend. Er hat die Schutzgemeinschaft dafür scharf kritisiert.

Das habe aber den Berliner Senat nicht davon abgehalten, die Schufa-Karten zu bestellen. Auf deren Grundlage sollten die Gelder für die Schuldenberatungen zugeteilt werden, sagt Reifner, der das für einen falschen Ansatz hält. Ob die Geldverteilung der Senatsverwaltung tatsächlich von den Atlanten abhängt, kann nicht geklärt werden. Sicher ist nur, dass das Schulden-Problem erkannt und die Gelder aufgestockt wurden. Laut Olivia Manzke, in der Senatsverwaltung zuständig im Bereich Schulden und Insolvenzen, wird der Atlas lediglich herangezogen, um Argumente für eine Aufstockung der Gelder in einem Krisensektor zu bekommen. Zu diesem Zweck sei man auch an die Schufa herangetreten, die bis dato Berlin als einen großen Sektor behandelte. Letztendlich werden die Mittel über einen Sozialindex verteilt. Dass der Atlas in den Verhandlungen herangezogen wird, kann aber nicht bestritten werden.

Die umstrittene regionale Auswertung der Daten bei der Schufa führt Reifner auf die "Faulheit" der Kreditschützer zurück. Reifner gibt jetzt einen eigenen Schuldenreport heraus in dem konkrete Daten von Überschuldeten ausgewertet werden. Schulden haben in seinen Augen nichts mit der Adresse zu tun, sondern mit sozialen Umständen wie Arbeitslosigkeit oder ein Kind allein erziehen zu müssen. "Menschen werden doch nicht zum Schuldenmuffel nur weil sie umziehen". Dann müsste auch Frankfurt am Main rot eingefärbt werden, wenn dort ein Immobilienspekulant einer Bank mehrere Milliarden Euro schuldet. Auch werte die Schufa nur Daten aus, die sie von Gläubigern bekommt. Man müsse nicht gleich überschuldet sein, nur weil man eine Rechnung nicht bezahlen möchte. Auch hat er herausgefunden, dass einige der Kriterien, an denen die Schufa Überschuldung festmacht, nicht wesentlich mit Überschuldung zusammenhängen. So ist für die Kreditwächter ein Haftbefehl ein wichtiges Indiz für Überschuldung. Laut Reifner sind aber nur zehn Prozent der Überschuldeten von einem Haftbefehl betroffen. Gar nicht mit eingerechnet werde die von Stadt zu Stadt unterschiedliche Gläubigerpraxis.

Ortsansässige Banken geben Anwohnern keinen Kredit mehr

So ist der Schuldenatlas für Dr. Reifner eher eine schwere Diskriminierung der Wohnbevölkerung, als eine treffende Schuldneranalyse. Die Einwohner der kritischen Sektoren würden nicht nur in den Medien diffamiert. Jeder hat auf den Atlas Zugriff, "auch wenn es nie eine Bank zugeben würde, schauen sie da rein." "Redlining" nannte man diese Praxis in den USA, die dort allerdings wegen Diskriminierung verboten wurde. Dass "redlining" in Deutschland schwer zu beweisen ist, weiß der Professor für Wirtschaftsrecht auch.

Aber er hat auch Fakten. Bei einer Untersuchung im Hamburger Bezirk "St. Georg" hat er herausgefunden, dass ortsansässige Banken den Bewohnern eben dieses Bezirks keine Kredite mehr gewährten. Es war ihnen einfach zu gefährlich. Aber auch die Post Adress GmbH, eine Tochterfirma der Deutschen Post AG, würde gewichtete Adressen verkaufen. Durch dieses "Scoring" könne man herausfinden, bei welchen Postleitzahlen mit höheren Ausfällen zu rechnen ist. "Beweisen kann ich es nicht" meint Professor Reifner, "aber ich bin mir sicher, dass einige Anbieter derartige Möglichkeiten für die Kundenbewertung nutzen". Wer als Neuköllner also einen Kleinkredit braucht, muss wohl zur Weltbank gehen - oder nach Zehlendorf ziehen.

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