Schule : Klassenkampf ums Gymnasium

Senat will Kindern aus armen Familien einen besseren Zugang ermöglichen.

Susanne Vieth-Entus,Stefan Jacobs

An manchen Gymnasien findet man kaum Kinder aus armen Haushalten: Trotz der hohen Arbeitslosigkeit in dieser Stadt gibt es noch immer Schulen, die nur wenig mit Hartz-IV-Familien zu tun haben. Gymnasien in Problemquartieren hingegen kommen leicht auf einen Anteil, der zwischen 30 und 50 Prozent schwanken kann. Das soll nach dem Willen des Senats anders werden.

Ansatzpunkt ist die Zugangsregelung zum Gymnasium. Sie soll sich „daran messen lassen, ob und in wieweit sie eine soziale Entmischung befördert oder dieser entgegenwirkt“. So hat es der Senat am vergangenen Dienstag beschlossen und damit die Richtung vorgegeben.

Dass in dieser Frage Sprengstoff liegt, wurde bereits bei der Senatssitzung deutlich: Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte in seinen Beschlussentwurf nämlich hineingeschrieben, dass „auch die Frage einer Quotierung nach sozialen Kriterien diskutiert werden“ soll. Dieser Satz wurde aber dem Vernehmen nach aufgrund von Bedenken anderer SPD- Vertreter in der Senatssitzung herausgestrichen – aus Angst vor einer „Quotendiskussion“, die bürgerliche Eltern verschrecken könnte. Schon gibt es Berichte besorgter Eltern, die ihre Viertklässler noch rasch auf ein grundständiges Gymnasium bringen wollen, um in zwei Jahren nicht an etwaigen Quoten zu scheitern.

Die Linkspartei will aber nicht locker lassen. „Es muss eine konkrete Regelung geben“, fordert die Fraktionsvorsitzende Carola Bluhm. „Wir brauchen ein Instrument gegen die soziale Ungerechtigkeit“, ergänzt der schulpolitische Sprecher Steffen Zillich. Allerdings weiß die Linkspartei um die Schwierigkeit, Kriterien festzulegen. So könnte es passieren, dass Geringverdiener wie etwa Friseurinnen an der Sozialquote scheitern: Das wäre dann der Fall, wenn nur Bezieher von Transferleistungen berücksichtigt würden. So wird es schon jetzt bei der Befreiung vom Schulbuchkauf gehandhabt.

„Wir sehen dieses Problem und suchen nach guten Ideen, wie man die Grenze definieren kann“, sagt Zillich. Mehr lässt sich dazu zurzeit nicht erfahren. Klar ist nur: Rot-Rot will den starken Zusammenhang zwischen Gymnasialbesuch und sozialer Herkunft lockern. Dabei haben Linkspartei und SPD mit dem Schulgesetz von 2004 gerade dazu beigetragen, diesen Zusammenhang zu verfestigen und zwar durch die Vergabe von Schulplätzen je nach Wohnortnähe. Dieses Kriterium hat dazu geführt, dass ein Kind aus Wedding oder Kreuzberg bisher keine Chance hat, ein beliebtes Gymnasium in einem sozial besserem Umfeld zu besuchen.

Auf dieses Problem hatte schon vor über zwei Jahren der damalige Vorsitzende der GEW-Schulleitervereinigung, Erhard Laube, hingewiesen. Von ihm stammt der Vorschlag einer „Migrantenquote“, damit leistungsstarke Kinder aus Zuwandererfamilien in armen Kiezen nicht mehr von Gymnasien in bürgerlichen Gegenden abgewiesen werden können. Laube, inzwischen Abteilungsleiter bei Zöllner, steht zu diesem Vorschlag immer noch, auch wenn er in der Bildungsverwaltung nicht für das Thema zuständig ist. Er vergleicht die Migrantenquote mit der längst zur Normalität gewordenen Frauenquote, denn „die Idee ist die gleiche“: Bei ansonsten gleicher Leistung soll derjenige bevorzugt werden, der es unter den geltenden Spielregeln in der Gesellschaft schwerer hat.

SPD-Landeschef Michael Müller warnt davor, dass Quoten unter Umständen „willkürlich" seien. Andererseits weiß Zöllner, dass er die schulischen Chancen sozial Schwacher und Migranten verbessern muss. Fest steht bisher nur, dass die BVG-Verbindung als Zugangskriterium wegfallen soll, damit Schüler nicht mehr für die Wohnlage ihrer Eltern bestraft werden. Was stattdessen kommt, weiß bisher noch niemand.

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