Schule : Opposition fürchtet um den Förderunterricht

Der Sparzwang in Berlins Schulsystem treibt neue Blüten: Nun wird darüber diskutiert, ob Sprachschulung und Förderunterricht in Zukunft "Grundbedarf" oder "Zusatzbedarf" seien. Die Ansichten darüber gehen offenbar auseinander.

Susanne Vieth-Entus

Hat Berlin zu viele Lehrer? Das fragt man sich, seitdem Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) immer öfter betont, dass sich schon mit 80 Prozent des vorhandenen Personals der reguläre Unterricht von Deutsch bis Physik vollständig abdecken lasse. Sind also die übrigen Lehrer – etwa 5600 von 28 000 – nur ein Berliner Luxus, die im Falle von Erkrankungen leicht herangezogen werden könnten, um den regulären Unterricht zu gewährleisten?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich erst mal ansehen, was sich hinter den genannten 20 Prozent verbirgt. Die beiden Hauptposten sind die Behindertenintegration (1200 Lehrer) und Sprachförderung für Migranten (655). Hinzu kommen Lehrer, die sich um abschlussgefährdete Schüler kümmern, um die zweisprachige Alphabetisierung, um Therapien in Sonderschulen oder um die speziellen Angebote der Europaschulen.

Da all diese Angebote bisher als unabdingbare Leistungen der Berliner Schule galten, wurden die entsprechenden Stellen zusammen mit dem regulären Unterricht als „Unterrichtsbedarf“ definiert. Damit ist es aber neuerdings vorbei: In den aktuellen Organisationsrichtlinien wird fein säuberlich zwischen „Grundbedarf“ und „Zusatzbedarf“ unterschieden.

Dass diese sprachliche Neuerung kein Zufall ist, befürchteten Schulleiter seit langem. Bislang hatte sich Zöllners Verwaltung bemüht, diese Befürchtungen zurückzuweisen. Das hat sich aber jetzt geändert. Am Freitag hatte Zöllner geäußert, dass Berlins Schulen selbst dann „erfreulich“ ausgestattet seien, wenn fast die Hälfte von ihnen nicht genug Personal an Bord habe. Seine Sprecherin verteidigte am Sonnabend diese Einschätzung mit der Begründung, dass die Schulen immer noch viel mehr Lehrer hätten als sie für den „Grundbedarf“ bräuchten.

Gewerkschaft und Opposition reagierten gestern mit Empörung darauf. Eine derartige Unterscheidung quasi zwischen „Pflicht und Kür“ sei „ein Unding“, meinte FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben. Özcan Mutlu von den Bündnisgrünen sieht gar eine „Katastrophe“ darin, die Deutschförderung in ihrer Bedeutung hinter den regulären Unterricht zu stellen: „Wir erreichen damit genau das Gegenteil von dem, was wir nach Pisa wollten.“
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Erhard Laube von der GEW-Schulleitervereinigung sieht eine „unheilvolle Entwicklung“. Zöllner unterlaufe den „Kern des Schulgesetzes“, wenn er die Stellen für die Behindertenintegration zu einer Art Verfügungsmasse mache. Schließlich stehe im Schulgesetz, dass die Integration Vorrang vor der Unterbringung an Sonderschulen haben müsse. Das sei aber nur umsetzbar, wenn auch entsprechendes Personal dafür zur Verfügung stehe.

Der GEW-Bundesvorsitzende Ulrich Thöne erinnerte daran, dass die Kultusminister sich darauf geeinigt hätten, die Lehrerstellen nicht analog zum Schülerrückgang zu kürzen. Davon sei Berlin aber weit entfernt. Allein die Stellen für Deutschförderung seien seit 1996 halbiert worden. Susanne Vieth-Entus

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