SED : Rückschau der Genossen

Aufklärung statt Verklärung der SED - zu dieser Diskussion luden am Mittwoch Grüne und SED-Forscher ein, um sich mit der einstigen DDR-Einheitspartei auseinanderzusetzen.

Matthias Schlegel

In 120 Minuten zu klären, was die SED war, wie sie herrschte, dogmatisierte, korrumpierte – und erfolgreich überlebte, ist schlechterdings unmöglich. In ihrer Veranstaltungsreihe „Schön war die Zeit? Aufklären statt Verklären“ schreckten die Berliner Grünen und der Forschungsverbund SED-Staat am Mittwochabend im Berliner Abgeordnetenhaus aber nicht vor dem Thema zurück.

Es sei an der Zeit, die DDR-Aufarbeitung vom Kopf auf die Füße zu stellen, hatten die Veranstalter als Anspruch formuliert: Weg von der Fokussierung auf Stasi und IMs, hin zu dem Kämpfer, der die Waffen führte: zur SED. Eingelöst werden konnte der Anspruch nicht, weil der Schnelldurchlauf durch die deutsche Geschichte über die vierzig Jahre DDR-Alltag allzu rasch hinweghuschte. Die tatsächlichen Mechanismen der Macht blieben weitgehend verborgen.

Der exzellente Moderator Jürgen Engert würdigte die Diskutanten – unter anderem das ehemalige Politbüromitglied Günter Schabowski und den früheren stellvertretenden DDR-Kulturminister Klaus Höpcke –, weil es nicht selbstverständlich sei, sich mit seiner jeweiligen Biografie so der Öffentlichkeit zu stellen. Schabowski erklärte seinen frühen Eintritt in die SED mit „Verführbarkeiten“: der marxistischen Idee von der klassenlosen Gesellschaft, dem Hochgefühl, Vorkämpfer für die bessere Sache zu sein und der moralischen Legitimation durch den Antifaschismus. Auch Konrad Jarausch, ehemaliger Leiter des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, konnte dem Begriff der Verführung etwas abgewinnen: In historischen Umbrüchen bestehe ein enormes Orientierungsbedürfnis.

Höpcke versuchte dann, die nahtlose Fortsetzung seiner SED-Karriere in der PDS aus einer Art reformerischem Ansatz zu erklären: Mal habe er sich in der DDR dafür eingesetzt, dass ein problematisches Buch erscheinen konnte, mal habe er sich gegen die Verhaftung Vaclav Havels ausgesprochen.

Es war an dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und langjährigen Grünen-Bundestagsabgeordneten Werner Schulz, die Kontrapunkte zu setzen. Das Parteiabzeichen habe auf ihn immer eine abschreckende, bedrohliche Wirkung ausgeübt. Diese Partei habe sich nie um Mehrheiten kümmern müssen. Sie habe immer über Kontrolle, Indoktrination und Repression ihre Macht ausgeübt. Und dass sich eine schon totgeglaubte PDS regeneriert habe, daran seien auch SPD und Grüne mitschuldig, weil sie die sozialen Fragen vernachlässigt hätten.

„Die Linke ist ein Ressentiment“, urteilte Jarausch. Schabowski sprach von der Wiedergeburt einer neuen „sozialistischen Einheitspartei dank Lafontaine“. Dann machten die reichlich hundert Besucher die Plätze im Abgeordnetenhaus frei, damit die Linke am nächsten Tag wieder regieren konnte. Matthias Schlegel

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