Sitzenbleiber : Schulreform im Zwielicht

Jeder sechste Zweitklässler ist mit dem Schulstoff überfordert und kann nicht in die dritte Klasse versetzt werden – diese Nachricht hat am Freitag zu erheblicher Verwunderung, aber auch zu Kritik an der Grundschulreform geführt.

Susanne Vieth-Entus

Von einem „Armutszeugnis“ sprach Mieke Senftleben (FDP). „Die flexible Schulanfangsphase hat nicht gehalten, was sie versprochen hat“, schlussfolgerte Sascha Steuer (CDU). „Rot-Rot muss dafür sorgen, dass die Grundschulklassen kleiner werden“, erwartet Özcan Mutlu (Grüne) angesichts der vielen Problemschüler.

FU-Grundschulforscher Jörg Ramseger bezeichnete die hohe Wiederholerrate als „erstaunlich“. Wie der Tagesspiegel berichtete, gab es im Schuljahr 2007/08 über 4300 Zweitklässler, die nicht versetzungsfähig waren. Schulleiter wundert dies nicht: Da unreife oder unterentwickelte Kinder nicht mehr von der Schulpflicht zurückgestellt werden und zudem das Einschulungsalter gesenkt wurde, sei damit zu rechnen gewesen, dass es zu Verzögerungen nach der Einschulung kommt, heißt es.

FU-Professor Ramseger stimmt dem nur teilweise zu: Zwar sei so etwas wie eine „verschobene Selektion“ zu erwarten gewesen, allerdings nicht in dem Ausmaß, findet der Grundschulforscher. Möglicherweise sei die flexible Schulanfangsphase noch nicht optimal organisiert. Im Prinzip sei es aber richtig, die Kinder früher in die Schule zu holen und dann „ein Jahr länger im System zu haben“, statt sie wie früher erst mit knapp sieben Jahren einzuschulen.

Die FDP sieht das anders. Anstatt massenweise Klassenwiederholungen in Kauf zu nehmen, solle man die Kinder bereits vor der Schule besser fördern, findet Bildungspolitikerin Mieke Senftleben. Deshalb sollten alle Kinder eine verpflichtende Vorklasse („Startklasse“) besuchen, die zwar an der Kita, aber mit Unterstützung durch Lehrer stattfinden solle. Senftleben fragt sich zudem, was in der Schulanfangsphase mit den Hochbegabten passiert: Die CDU-Anfrage hatte nämlich auch ergeben, dass nur rund 0,7 Prozent der Erstklässler die zweite Klasse überspringen. FU-Forscher Ramseger hatte im Vorfeld der Reform mit rund zwei Prozent vorzeitigen „Aufrückern“ gerechnet, da es rund drei Prozent Hochbegabte gibt.

„Ich hoffe, dass die hochbegabten Kinder die nötige intellektuelle Herausforderung bekommen“, kommentiert Ramseger die geringe Zahl von nur 175 Aufrückern in 2008. Er schlägt vor, zu überprüfen, ob diese Kinder tatsächlich die gebotene individuelle Förderung erhalten.

Durch die hohe Wiederholerquote der Zweitklässler fühlen sich auch die Gegner des Jahrgangsübergreifenden Lernens (JüL) bestätigt. „An vielen Schulen besteht die Gefahr, dass sowohl die schwächeren als auch die stärkeren Schüler nicht optimal gefördert und gefordert werden“, meinte am Freitag CDU-Bildungspolitiker Steuer. Die CDU habe daher erneut einen Antrag auf Verzicht auf die JüL-Pflicht eingebracht. Ramseger kann dem folgen: Er hatte schon im Vorfeld der Entscheidung davon abgeraten, diese anspruchsvolle Unterrichtsmethode vorzuschreiben. 

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