Streckennetz-Ausschreibung : Rot-Rot ringt um Konzept für die S-Bahn

Der Senat will zügig über eine Ausschreibung der S-Bahnstrecken nach 2017 entscheiden. SPD und Linke sind dagegen und diskutieren den Kauf eines städtischen Wagenparks.

Der Senat will „so schnell wie möglich“ über die Zukunft der S-Bahn entscheiden. Das kündigte am Dienstag ein Sprecher der Stadtentwicklungsverwaltung an. Dabei geht es um die Frage, ob ein Teil des Streckennetzes ausgeschrieben, ob die S-Bahn direkt an die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vergeben oder der Deutschen Bahn abgekauft werden soll. „Der Senat wird zügig zu einem Ergebnis kommen“, sagte der Sprecher.

Zwar lehnte die SPD auf einem Landesparteitag im November eine Ausschreibung von Teilstrecken ab. Und auch die Linke sieht eine solche Teilausschreibung „skeptisch“, wie ein Parteitag im April 2010 beschloss. Trotzdem sei die Verkehrsverwaltung gut beraten, sich alle Optionen offenzuhalten, sagte der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Christian Gaebler. „Alles andere wäre unklug, weil es Berlin gegenüber den Verhandlungspartnern erpressbar macht.“ Trotzdem hält der SPD-Mann eine Teilausschreibung für keine gute Lösung, „weil die Bahn sehr gute Chancen hätte, diese Ausschreibung zu gewinnen“.

Um die aktuellen Probleme besser in den Griff zu bekommen, forderte Gaebler die Bahn AG auf, einen „Krisenstab S-Bahn“ unter Leitung eines Sonderbevollmächtigten des Konzernchefs Rüdiger Grube einzurichten, in dem die Länder Berlin und Brandenburg vertreten sind. Außerdem müsse kurzfristig ein Zeit- und Kostenplan für die Wiederherstellung eines funktionierenden Betriebs vorgelegt werden. Gaebler forderte außerdem, dass die Deutsche Bahn die Bestellung neuer S-Bahnfahrzeuge vorbereitet. Dies sei unabhängig davon, wer nach dem Auslaufen des S-Bahnvertrags 2017 für diesen Teil des öffentlichen Nahverkehrs zuständig sein werde. Notfalls müsse das Land beim Aufbau eines neuen Wagenparks einspringen. Aus den Regionalisierungsmitteln des Bundes für Verkehrsleistungen ließe sich dies zu günstigen Konditionen refinanzieren.

Das Land Niedersachsen praktiziert dieses Modell bereits. Dort werden Züge und Loks über eine „Landesnahverkehrsgesellschaft“als Großkunde gekauft und an verschiedene Bahnbetreiber vermietet. In Berlin weisen Experten schon lange darauf hin, dass die marode Flotte der S-Bahn sich nur mit gewaltigen Investitionen auf Vordermann bringen lässt. Aber der Bahn AG fehlt von sich aus jeder Anreiz, viel Geld in einen Wagenpark zu stecken, mit dem das bundeseigene Unternehmen nach 2017 möglicherweise nichts mehr anfangen kann. Zumal die S-Bahn in Berlin maßgefertigte Züge benötigt, denn das System ist mit keinem anderen in Deutschland kompatibel.

Hans-Werner Franz, Geschäftsführer des Verkehrsverbundes VBB, hatte in einer persönlichen Denkschrift Ende 2009 angemerkt, dass langfristig 600 Fahrzeuge (Doppelwagen) zum Stückpreis von etwa zwei Millionen Euro für das gesamte S-Bahnsystem angeschafft werden müssten. Es geht also um eine Investition von 1,2 Milliarden Euro. Für eine Teilausschreibung des Rings und der südöstlichen Strecke über Schöneweide dürften 200 bis 300 Millionen Euro reichen. Auch ein privater S-Bahn-Konkurrent könnte dies finanzieren. Allerdings erst, wenn er den Zuschlag für den Betrieb und die Kreditzusage einer Bank erhalten hat. Dafür würde die Zeit sehr knapp, um bis 2017 eine einsatzfähige Flotte zu haben. Aus Sicht des VBB sind etwa sieben Jahre Vorlauf notwendig. Die neuen Waggons müssen nicht nur entwickelt und gebaut, sondern auch vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA) abgenommen werden. Ein Bahntechniker nennt sogar zehn Jahre Vorlaufzeit als Minimum.

Der aktuelle Fuhrpark, die der Bahn gehört, ist den Anforderungen offensichtlich nicht mehr gewachsen. Als größtes, weil bisher irreparables Problem gelten die bruchgefährdeten Achsen in der häufigsten Baureihe 481. Da keine dickeren Achsen eingebaut werden können, müssen die 481er ständig zu Kontrollen in die Werkstatt. Auch die älteren Baureihen haben Probleme mit Rädern und Achsen, die sich immerhin durch Austausch der Teile beheben lassen. Ob die Anfälligkeit der Baureihe 481 gegen Schnee ein Konstruktions- oder ein Wartungsmangel ist, darüber streiten der Hersteller Bombardier und die Bahn. Unstrittig ist dagegen, dass der – von der sparwütigen Bahn – seit 2005 von 671 auf 632 Fahrzeuge geschrumpfte Fuhrpark sehr knapp bemessen ist. Spätestens mit Eröffnung der neuen S-Bahnstrecke zum BBI dürfte sich der Mangel weiter verschärfen.

Der Senat muss nun entscheiden, ob die S-Bahn weiter in öffentlicher Hand bleibt oder teilweise privat betrieben wird. Der VBB hat eindeutige Erfahrungen gemacht: Auf neu ausgeschriebenen Regionalstrecken wurde der Verkehr für die Länder stets billiger und die Kundenzufriedenheit stieg.

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