Tagesspiegel-Streitgespräch : Darf der Staat Werte unterrichten?

Wahlfreiheit oder Wahlzwang – die Form des künftigen Religionsunterrichts spaltet Berlin. Harte Positionen und harsche Worte gab es auch beim Tagesspiegel-Streitgespräch: Für Parlamentspräsident Walter Momper ist ein gemeinsames Fach Ethik unverzichtbar – der Rektor des Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, kämpft für ein ordentliches Fach Religion.

Mertes Momper
Walter Momper und Klaus Mertes im Tagesspiegel-Streitgespräch. -Foto: Heinrich

BerlinDie Kampagnen zum Volksentscheid sind ganz schön verwirrend: Pro Reli fordert Gleiche Freiheit für alle, pro Ethik spricht von Wahlzwang.



Momper: Der Slogan vom „Wahlzwang“ ist doch eine Reaktion auf die Pro-Reli-Forderung nach Wahlfreiheit, die an sich falsch ist. Denn jetzt kann man ja wählen, ob man Religionsunterricht haben will oder nicht. Das halte ich auch für gut. Und Ethik ist sowieso Pflicht. Ich halte das Fach für unabdingbar. Es ist das Gegenteil von Wahlmöglichkeit, wenn der Zwang da ist, sich zwischen diesen zwei Dingen zu entscheiden.

Mertes: Ich sehe das völlig anders. Der Religionsunterricht wird in den Freizeitbereich abgedrängt. Zurzeit kann man frei wählen, in den Religionsunterricht zu gehen, ähnlich wie in den Kaninchenzüchterverein oder ins Fitnesscenter. Es geht aber um die Wahlfreiheit innerhalb des Systems Schule. Diesen Wahlpflichtbereich gibt es in allen Bundesländern außer in Berlin.

Momper: Mich ärgert die Behauptung, der Religionsunterricht werde in den privaten Bereich abgedrängt. Davon kann überhaupt keine Rede sein. Der Unterricht wird ordentlich in der Schule erteilt. Berlin bezahlt den wesentlichen Teil davon. Berlin hat eine andere Tradition. Nach dem Krieg war es die protestantische Kirche, die nach den Erfahrungen in der Nazizeit nicht wollte, dass der Religionsunterricht unter staatliche Oberhoheit kommt.

Bei Ethik sind alle Schüler zusammen. Was kann ein gleichberechtigtes Wahlpflichtfach Religion bieten, was Ethik nicht kann?

Mertes: Der Akzent liegt auf unterschiedlichen Fragestellungen. Im Fach Ethik liegt er auf den ethischen Fragestellungen, wobei jede Ethik auch Aussagen über Letztbegründungszusammenhänge wird machen müssen. Religion setzt sich mit der Frage nach Gott auseinander. Da geht es um die Existenz Gottes, um Mono- oder Polytheismus, um die Geltung und Autorität heiliger Texte. In dem Kontext kommt man auf ethische Fragen. Man nähert sich aus unterschiedlicher Perspektive Fragestellungen, die sich auch überlappen können.

Herr Momper, warum ist für Sie Ethik so unabdingbar und kann nicht durch Religionsunterricht ersetzt werden?

Momper: Hier werden Kinder aus unterschiedlichen Glaubensrichtungen oder mit verschiedenen Weltanschauungsauffassungen gemeinsam unterrichtet. Der Unterricht wurde eingeführt unter dem Eindruck des Mordes an Hatun Sürücü. Damals hatte sich in mancher Klasse gezeigt, dass ein Teil der Schüler – insbesondere junge Frauen – dieses Verbrechen auch noch gut fanden. Deswegen verständigte man sich darauf, dass die grundlegenden Werte unserer Verfassung und unserer Gesellschaft in einem gemeinsamen Unterricht behandelt werden müssen. Hinzu kommt, dass in Berliner Schulen inzwischen 40 bis 50 Prozent Kinder einen Migrationshintergrund haben, die können wir nicht ohne eine gemeinsame Unterrichtung über die ethischen Grundlagen unserer Gesellschaft lassen. Jede Trennung würde ich für falsch halten.

Muss nicht die Vermittlung grundlegender Werte wie dem, dass man keine Menschen umbringen darf, Aufgabe jeglichen Unterrichts sein?

Momper: Gewiss, das steht in Paragraf 1 Berliner Schulgesetz. Aber in der Realität ist es so, dass der Leistungsdruck inzwischen so hoch ist, dass diese Fragen sonst zu kurz kommen.

Herr Mertes, welche Chancen eröffnet ein Wahlpflichtfach Religion? Dass es sich auf die wesentlichen Religionsfragen konzentrieren kann und nicht wie bisher oft unverbindliche Gutmenschenthemen behandelt?

Mertes: Das ist einer der entscheidenden Punkte, warum ich für Pro Reli votiere. Wenn eine ordentliche Lehrerausbildung stattfindet, dann erhöht sich die Qualität des Religionsunterrichtes ganz erheblich. Außerdem fehlt derzeit jede öffentliche Kontrolle darüber, was im Religionsunterricht geschieht.

Momper: Das stimmt nicht. Auch heute kann man darauf achten, dass das Curriculum eingehalten wird. Aber ich kritisiere auch, dass der Unterricht der Kirchen bisher oft nicht gut gewesen ist, weil es um diese „Gutmenschen“-Themen ging. Es war natürlich auch der Druck aus der Schule, dass es mal ein Fach gibt, wo man alles Mögliche besprechen kann. Sicherlich kann so etwas im Ethik-Unterricht stattfinden. Beim Islamunterricht aber anzunehmen, den unter eine staatliche, strenge Kontrolle zu bekommen, ist falsch. Es wird keinen einheitlichen Islamunterricht geben, weil es im Islam keine einheitliche Organisation gibt, wie wir das von der protestantischen oder der katholischen Kirche her kennen. Da kann jede einzelne Richtung des Islam ihren Unterricht geben. Da gibt es himmelweite Unterschiede, zwischen Sunniten, Schiiten und so weiter.

Mertes: Aber da haben Sie doch schon von Anfang an resigniert, dass sich der Islam nicht in den öffentlichen Schuldiskurs integrieren lässt. Warum ist es nicht möglich, ein Fach Islamunterricht einzurichten, indem es an den staatlichen Universitäten eine entsprechende Ausbildung für gläubige Muslime gibt?

Momper: Das ist eine böse Unterstellung. Sie wollen einen glaubensgebundenen Unterricht, den bekommen Sie aber im Islam nicht. Ein gemeinsames Curriculum gibt es im Islam nicht, weil es keine für alle verbindlichen Inhalte gibt.

Mertes: Aber da liegt doch die Chance, an die Muslime in Deutschland ein Signal zu richten. Organisiert euch, damit es eine Repräsentanz gibt, mit der wir als Staat kooperieren können. Das ist natürlich nicht in ein, zwei Jahren zu regeln. Wenn man unter der Panik des Sürücü-Mordes ein solches Fach auf die Schnelle einrichtet und damit die Muslime in Deutschland diskriminiert, dann ist das überstürzt gehandelt und nicht langfristig gedacht.

Momper: Das ist böse und stimmt nicht. Von Panik und Überstürzung kann gar keine Rede sein. Es hat schon lange vorher eine Diskussion gegeben über diese Frage von Ethikvermittlung an der Schule. Außerdem müht sich Nordrhein-Westfalen schon lange, in einem Modellversuch, einen gemeinsamen islamischen Unterricht hinzubekommen.

Schafft ein Wahlpflichtfach Religion nicht auch dem Staat die Möglichkeit, seine Pflicht wahrzunehmen, einen mit dem Rechtsstaat zu vereinbarenden Religionsunterricht anzubieten?

Momper: Das entscheidende Manko ist, dass die Werte, die von der Verfassung vorgegeben werden, dann nicht gemeinsam unterrichtet würden. Das führt zu einer Trennung. Die Protestanten und Katholiken gehen in ihren Religionsunterricht, und der Rest geht dann in Ethik. Das wird dann ein großer Teil der Muslime sein.

Mertes: Da bin ich gegenteiliger Ansicht. In der Schule findet den ganzen Tag gemeinsamer Unterricht statt. Außerdem meine ich, dass der Staat keine Werte zu unterrichten hat.

Warum soll der Staat das nicht dürfen?

Mertes: Wir haben im letzten Jahrhundert mit Weltanschauungsunterrichten unsere Erfahrungen gemacht. Der Staat hat sich da zurückzuhalten. Er kann die philosophische Tradition der Ethik, also das kritische Denken über die Fragen der Geltung von Sollensansprüchen als Fach einrichten, aber er kann nicht Werte unterrichten.

Momper: Natürlich muss der Staat auch Werte unterrichten. Das muss er laut Schulgesetz in jedem Fach machen.

Wie viel Toleranz lehrt denn der Religionsunterricht gegenüber anderen, was lernt man über den anderen Glauben?

Mertes: Das kann man in den Curricula nachlesen. Natürlich gibt es einen religionskundlichen Anteil über andere Religionen. Der entscheidende Punkt ist doch, dass Intoleranz ein Verrat an der eigenen Religion ist. Es muss also nicht das konfessionelle Verhältnis zur eigenen Religion relativiert werden, um tolerant sein zu können, wie es der Regierende Bürgermeister formuliert hat.

Momper: Was haben Sie dann dagegen, dass in Ethik alle zusammen unterrichtet werden und auch die religiös Gebundenen die Erfahrungen aus ihrer Religion einbringen?

Mertes: Ich habe etwas dagegen, dass sie gezwungen werden, sich zusammen in einer bestimmten Form mit der Frage nach der Ethik und auch den Religionen zu befassen. Und zwar aus dem Grund heraus, dass der Lehrer seinerseits ja auch nicht bekenntnisfrei ist.

Momper: Das ist aber in allen anderen Unterrichten, etwa der politischen Weltkunde, genauso. Und Lehrer sind hoffentlich so ausgebildet, dass sie zwar ihren eigenen Standpunkt klarmachen, aber gleichwohl die Inhalte neutral darstellen.

Mertes: Da sind wir an einem entscheidenden Punkt. Das Fach Ethik, wie es der Senat vorsieht, sieht erhebliche religionskundliche Anteile vor. Man hat die Vorstellung, dass von einem neutralen Lehrer ein Diskurs zwischen den Schülern gemanagt wird. Ich finde, Neutralität ist schon wieder eine ganz bestimmte Form des Bekenntnisses zum Fach Religion.

Momper: Bei der Vielfalt der Glaubensrichtungen, die wir in dieser Stadt haben, gibt es keine Lehrer, die es total neutral machen können, ohne ihren eigenen Standpunkt einfließen zu lassen. Beim gegenwärtigen Modell kann es doch immer noch im Religionsunterricht ergänzt werden. Ich verstehe nicht, dass Sie die Schüler trennen wollen. Das halte ich auch für den Kern des politischen Streits.

Besteht die Gefahr, dass wir dann vielleicht nur noch islamische Kinder im Ethikunterricht haben, die unter sich bleiben?

Momper: Nicht nur islamische Kinder. Wir haben auch einen großen Teil deutscher Kinder, besonders aus sozial problematischen Familien, die eine solche Distanz zu allem Religiösen und auch allen ethischen Werten haben, dass für sie der gemeinsame Unterricht genauso wichtig ist.

Mertes: Die Schüler sind in der Schule in vielen Fächern in der Wertevermittlung zusammen. Der Ethikunterricht bekommt eine Aufgabe zugesprochen, die ihn völlig überfordert. Ich zweifle daran, dass das Neutralitätskonzept mit einem religionskundlichen Ansatz ausreicht, um mit religiös geprägten Schülern einen Diskus zu führen. Entsprechend knallt es im Ethikunterricht ganz massiv zwischen Schülern und Lehrern. Weil das säkularisierte Konzept des Unterrichts von den religiös Gebundenen, gerade mit Migrationshintergrund, nicht anerkannt wird.

Aber die ergänzende Funktion von Religionsunterricht fällt nach dem Modell von Pro Reli weg.

Mertes: Man kann auch Fehler machen dadurch, dass man keine Wahlmöglichkeiten hat. Wenn man zu schnell zu unterschiedliche Kulturen zu nah bringt, wird das Fremdheitspotenzial so massiv, dass es in der Abwehr endet. Religion geht auf die Problematik in dieser Stadt ein und hat einen integrationspolitischen Ansatz. Das Aggressionspotenzial, das zwischen den Kulturen in unserer Stadt schlummert, muss dadurch aufgefangen werden, dass im System Schule Prozesse der Annäherung möglich sind. Wenn Sie Kinder zwingen, im siebten und achten Schuljahr über die Intimität ihrer religiösen Erfahrungen und Wertvorstellungen in einen öffentlichen Diskurs einzutreten, dann kann das das Gegenteil bewirken, nämlich, dass sie die Klappe zumachen.

Herr Momper, warum setzt sich die Seite der Ethikbefürworter dem Vorwurf der Trickserei aus? Bei der Frage des Abstimmungsdatums und der damit verbundenen Kosten oder auch mit einer Formulierung in der Broschüre des Wahlleiters, in der von der Haltung des Abgeordnetenhauses gesprochen wird und nicht von der der Mehrheit des Abgeordnetenhauses?

Momper: Solche Vorwürfe gibt es immer. Pro Reli ist eine CDU- und FDP-Kampagne, an die sich die Kirchen angehängt haben, was mich sehr gewundert hat. Dabei geschieht aber alles so, wie es das Gesetz vorsieht. Es wird abgestimmt zum nächstmöglichen Termin. Eins der infamsten Argumente ist das der vermeintlichen Mehrkosten. Demokratie kostet nun einmal Geld, und Volksabstimmungen ebenso. Das Abgeordnetenhaus beschließt immer oder meist mit Mehrheit. Das ist dann die Entscheidung des Hauses. Wer das kritisiert, stellt auch Grundlagen der Demokratie infrage.

Wenn Pro Reli erfolgreich ist, dann wird Ethik ab Klasse 1 eingeführt. Wird das nicht den Kirchen auf die Füße fallen? Denn jetzt schicken auch religiös nicht gebundene Eltern ihre Kinder in den Religionsunterricht. Die werden dann künftig in den Ethikunterricht gehen.

Mertes: Es geht den Kirchen nicht darum, möglichst viele Kinder in den Religionsunterricht zu bekommen. Sondern es geht darum, einen Wahlpflichtbereich einzurichten.

Aber die Kirchen klagen doch darüber, dass Schüler jetzt den Religionsunterricht abwählen.

Mertes: In der Hierarchie der Argumente ist das nicht das zentrale. Natürlich gibt es im Wahlpflichtunterricht inzwischen weniger Schüler, wegen der größeren Stundentafel und der höheren Belastung insgesamt. Der Punkt ist eben, dass Religion ein ordentliches, benotetes Schulfach wird.

Momper: Aber das ist doch ganz was anderes. Da hätten Sie doch auch einfach fordern können, dass wie in anderen Bundesländern auch der Religionsunterricht verbindlich wird.

Mertes: Die Kirchen fordern ja eben nicht einen allgemein verbindlichen Religionsunterricht. Uns ist die Wahlfreiheit wichtig.

Sie haben also nichts gegen einen weltanschaulich neutralen Ethikunterricht, aber Sie wollen die Wahlfreiheit, diesen durch Religionsunterricht ersetzen zu können?

Mertes: Ja, vor allem, wenn dieser weltanschaulich neutrale Ethikunterricht gleichzeitig den Anspruch hat, religionskundlicher Unterricht zu sein, der von einem neutralen Lehrer erteilt wird.

Verstehen wir das richtig, dass die Religion im Ethikunterricht nichts zu suchen hat?

Mertes: Nein, überhaupt nicht. Selbstverständlich muss sich die Ethik sogar mit religiösen Fragen befassen. Der religionskundliche Ansatz geht aber weit über die ethischen Fragen hinaus. Hier sollen sich unter der Moderation ihres neutralen Lehrers Schüler über ihren Glauben informieren.

Momper: Fragen über Religion spielen auch in anderen Stunden eine Rolle, im Deutschunterricht etwa, und ich weiß auch nicht, was daran falsch sein soll. Und wer das bekenntnisgebunden haben will, sollte in den Religionsunterricht gehen.

Herr Mertes, Sie betonen das Trennende, weil Sie nicht mehr alle Schüler gemeinsam den Werteunterricht besuchen lassen wollen.

Mertes: Ich betone in der Tat, was die religiöse Identität betrifft, das Unterscheidende. Weil nur über die Reflexion über das Unterscheidende die Dialogfähigkeit möglich wird. Ich glaube nicht, dass der Ethikunterricht der Ort ist, in dem zur Dialogfähigkeit erzogen werden kann. Dazu bedarf es der Reflexion der eigenen religiösen Identität, und die kann nicht von einem neutralen Lehrer geleistet werden.

Momper: Ich habe schon den Eindruck, dass die Kirchen erwarten, dass die gebundenen Schüler eher in den Religionsunterricht gehen als zu Ethik. Also wird schon Zwang ausgeübt.

Mertes: Mir ist der Elternwille wichtig. Konfessionell gebundene Eltern wollen, dass ihr Kind eingeführt wird in eine kritische Reflexion der eigenen Religion, und zwar in Form eines ordentlichen Unterrichtsfaches. Letztlich werden über den Ethikunterricht, über dieses zwangsweise Zusammenpferchen, die gegenseitigen Unterschiede und die Abwehrmechanismen verstärkt.

Die vielen Kinder in Berlin, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht religiös gebunden sind, die sollen im Ethikunterricht zusammengepfercht werden?

Mertes: Die haben die Wahlfreiheit, sie können ja Religion wählen.

Momper: Muslimische Kinder werden sich schwerlich für christlichen Unterricht entscheiden.



Das Gespräch führten Sigrid Kneist, Gerd Nowakowski und Stephan Wiehler.


Die Kontrahenten

WALTER MOMPER
Der SPD-Politiker (oben links) ist Präsident des Abgeordnetenhauses und Schirmherr des Bündnisses Pro Ethik.

KLAUS MERTES
Der Jesuitenpater ist Rektor des katholischen Canisius-Kollegs und Unterstützer der Bürgerinitiative Pro Reli.

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