Tempelhof : Grün ist die Hoffnung

Was soll mit dem Flugfeld passieren? Ingeborg Junge-Reyer, die Senatorin für Stadtentwicklung, setzt auf den Landschaftspark – umrandet von einem Flugzeug-Museum, von Medien, Kunst und Wohnungen. Noch ist alles möglich.

Christian van Lessen,Gerd Nowakowski
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Ingeborg Junge-Reyer will keinen Zoo, keinen Vergnügungspark und keine Hochhäuser auf dem Flughafengelände. -Foto: Mike Wolff

Giraffen und Elefanten auf dem Flugfeld: Ingeborg Junge-Reyer findet die Idee amüsant. Das Architekturbüro Graft, das wie andere namhafte Planungsbüros vom Tagesspiegel in den vergangenen Wochen um eine Tempelhof-Vision gebeten wurde, hatte den wilden Vorschlag ins Bild gesetzt: Zoo West und Tierpark Ost endlich vereint – auf dem Flugfeld. Aber die SPD-Senatorin für Stadtentwicklung will bei allem Spaß an der Zoo-Vision „ ernsthaft“ keinen Gedanken daran verschwenden. Nein, der Zoo sei für die City-West ein Standortvorteil, und der Tierpark stehe am richtigen Ort in Friedrichsfelde.

Auch der Plan des Architekten Stephan Braunfels, rund ums markant ovale Flugfeld, das zum Central Park werden könnte, eine lockere Kette unterschiedlicher Wohn- und Bürohochhäuser zu stellen, findet bei Ingeborg Junge-Reyer keine Gnade. Ein „Landschaftspark“ in der Mitte – das schon – aber keine Hochhäuser ringsum. Für die gebe es ohnehin keine Nachfrage, hier schon gar nicht, vielleicht um 2050.

Der Architekt Hans Kollhoff hatte für Rummel und Tivoli auf dem Flugfeld plädiert, aber auch das sind Reizworte für die Senatorin. „Ein Tivoli blockiert die Fläche“, sagt sie. Nichts gegen ein Rockfestival auf dem Gelände, für Freiluftveranstaltungen, ein Landschaftspark müsse auch Entertainment-Orte bieten, Sport- und Erholungsflächen. Es gebe auch Gespräche mit dem Landessportbund. Aber ein Vergnügungspark mit zweitem Riesenrad? Keine Chance bei der Senatorin.

Vielleicht könnte hier der Berlin-Marathon 2009 stattfinden

Das Wort „Landschaftspark“ aber ist ihr ganz wichtig. Die große Freifläche des einstigen Flughafens müsse gesichert werden und Thema einer Internationalen Gartenausstellung 2017 sein. Architekten wie Bernd Faskel sehen die Gefahr, dass das Feld von den Rändern her allmächlich zugebaut wird. Ingeborg Junge-Reyer hält dagegen: „Das Zentrum lässt sich planerisch definieren.“

Wie Faskel hat auch Architekt Volkwin Marg für die Nutzung des Flughafengebäudes und seines Vorfeldes eine Luft- und Raumfahrtausstellung vorgeschlagen – eine Idee, die auch die Senatorin begeistert. So etwas könnte verwirklicht werden, von mehreren Partner getragen, privat finanziert, auch die Lufthansa sei daran interessiert, alles müsse noch geklärt werden. Volkwin Marg schlug auch vor, die Start- und Landebahnen ausnahmsweise für an- oder abfliegende Ausstellungsflugzeuge freizugeben. „Start- und Landebahnen können bleiben“, sagt die Senatorin. „Aber nicht zum Fliegen.“

Die Bahnen eigneten sich für Skater und Fahrradfahrer, vielleicht könnte hier sogar der Berlin-Marathon 2009 stattfinden. Eine Flugausstellung aber brauche die Rollbahnen nicht, die ließe sich auch mit kleinen Flugzeugen ausrichten, die per Tieflader heranrollten.

Die Zukunft Tempelhofs, das könnte im und vor dem Flughafengebäude ein Flug- und Raumfahrtmuseum sein. Auch die Kunst- und Medienbranche habe großes Interesse angemeldet. Babelsberg hege Pläne für eine neue Filmstadt, hier ließe sich auch ein großer Fundus unterbringen. Aber der Ort sei auch geeignet, um außergewöhnlich große Kunst zu platzieren, einen Ort der Moderne zu schaffen, sagt die Senatorin. Derartige Vorstellungen hatte auch der Architekt Sergei Tchoban zu Papier gebracht. „Wir beschäftigen uns damit, wie das gehen kann“, meint Ingeborg Junge-Reyer. Das Land Berlin werde nun nicht beliebig Räume vermieten, sondern auf das Profil der „Marke Tempelhof“ achten. Die große Eingangshalle sollte öffentlich genutzt werden, für Ausstellungen beispielsweise oder Konzerte, sie sei immerhin das Kernstück von Tempelhof. Sie dürfe nur nicht dauerhaft blockiert werden. Vielleicht könne es hier schon im nächsten Jahr eine Ausstellung über die Geschichte des Flughafens Tempelhof geben, ein erster Schritt, um auf ein Luft- und Raumfahrtmuseum vorzubereiten. Ab Frühjahr sind vermutlich auch Führungen übers Gelände möglich.

Die Zäune sollen nächstes Jahr nach und nach fallen

Für einen energieeffizienten, qualitätsvollen Wohnungsbau an den Rändern des Flughafens sieht die Senatorin großen Bedarf, Bauherrengemeinschaften und Wohnungsgesellschaften seien interessiert. Ideale Voraussetzungen für eine Internationale Bauausstellung, die – nicht vor 2012 – der Motor für die Entwicklung des Geländes sein könnte. Jetzt, da sie die Visionen mehrerer Architekten kenne, hätte sie wohl, gäbe es einen Wettbewerb, die Architekten Volkwin Marg (Luft- und Raumfahrtmuseum) und Sergei Tchoban (Kulturlandschaft) gebeten, ihre Pläne weiterzuentwickeln.

Bei Gesprächen mit Wirtschaftsvertretern hatte die Senatorin kürzlich eine Begeisterung für Tempelhof gespürt, die sie doch ein wenig überrascht hat. „Über die Vergangenheit wird nicht mehr diskutiert, dafür mehr über die Entwicklungschancen dieses großen innerstädtischen Gebietes.“ Tempelhof werde als international eingeführte Marke verstanden. Es sei nicht auszuschließen, dass sich später einmal Ministerien oder gar die UN für die großen Bürobereiche des Flughafengebäudes interessierten. Aber das sei Sache der Politik.

Noch ist die „Marke Tempelhof“ durch Zäune geschützt, sie sollen in den nächsten Jahren nach und nach fallen. Eine genaue Terminplanung gibt es nicht. Für Zwischennutzungen, etwa Sport, ließen sich kleine Bereiche erschließen. Den Zaun sofort zu öffnen, bedeute Vandalismusgefahr, sagt die Senatorin. Auch das Konzept für einen Landschaftspark müsse sich mit diesem Problem auseinandersetzen.

Wie idyllisch sieht der Flughafen-Zoo aus. Die Senatorin schaut begeistert auf das klare Bild. Die wahre Zukunft aber ist noch sehr verschwommen.

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