Ulrich Nußbaum : Vom Fischhändler zum Finanzsenator

Wowereit und die rot-rote Koalition loben Ulrich Nußbaum als Finanz- und Wirtschaftsprofi. Die Opposition ist skeptisch.

Lars von Törne
Nussbaum
Rot-Rot lobt den Sarrazin-Nachfolger Ulrich Nußbaum (r.) aus Bremen, die Opposition ist skeptisch. -Foto: dpa

Berlin/Bremen - Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat das Geheimnis gelüftet: Der Rechtsanwalt und Unternehmer Ulrich Nußbaum tritt die Nachfolge von Finanzsenator Thilo Sarrazin an, der zum 1. Mai zur Bundesbank wechselt.

Der 51-jährige Nußbaum war von 2003 bis 2007 Bremer Finanzsenator. Als der SPD-nahe, parteilose Finanzsenator in Bremen ins Wirtschaftsressort wechseln sollte, stieg er überraschend aus, weil er sich von der dortigen SPD gedrängt fühlte, in die Partei einzutreten. Nach seinem vorübergehenden Ausscheiden aus der Politik arbeitete Nußbaum unter anderem als Dozent für Wirtschaftsrecht. Außerdem ist er seit Mitte der 80er Jahre als Unternehmer im Fischgroßhandel tätig. Seit 2007 ist er zudem Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Bremerhaven, ein Amt, das er bereits vor seiner Bremer Senatorenzeit innehatte.

Nußbaum ist parteilos, aber „SPD-affin“, wie Wowereit sagte. Er lobte Sarrazins Nachfolger, der demnächst mit seiner Frau und seinen zwei jugendlichen Kindern nach Berlin ziehen will, als „hervorragende Besetzung“.

Nußbaum selbst hielt sich amDonnerstag mit konkreten Äußerungen zur Berliner Lage zurück. „In Bremen hatten wir ähnliche Probleme, nur mit ein paar Nullen weniger“, sagte er mit Blick auf Berlins Schulden. In Bremen wird Nußbaum wegen seiner unideologischen Haltung in Unternehmerkreisen gelobt, Gewerkschaftsvertreter erinnern sich an ihn als fairen, aber harten Verhandlungspartner – vor allem beim Widerstand gegen Lohnerhöhungen für Beschäftigte. Der Bremer Schuldenberg wurde in seiner Amtszeit allerdings nicht kleiner.

Nußbaum sagte in Berlin, dass er sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet habe. Er stammt aus einer Handwerkerfamilie. Wowereit zeigte sich überzeugt davon, dass Nußbaum für eine Fortsetzung des Konsolidierungskurses stehe. Die Opposition äußerte daran Zweifel. Nußbaum habe nur eine durchwachsene Bilanz vorzuweisen, hieß es.

Ein Kreis von Eingeweihten um Klaus Wowereit wusste es seit knapp zwei Wochen, ließ aber bis zum Schluss nichts durchsickern. Gestern beendete der Regierende Bürgermeister das Rätselraten und gab bekannt, wer neuer Berliner Finanzsenator wird, wenn Thilo Sarrazin Anfang Mai in den Vorstand der Bundesbank wechselt.

Der Rechtsanwalt und Unternehmer Ulrich Nußbaum ist „ein würdiger Nachfolger“ für Sarrazin, sagte Wowereit am Donnerstag bei einer spontan einberufenen Pressekonferenz mit Nußbaum im Roten Rathaus. Der designierte neue Senator, der bereits von 2003 bis 2007 in Bremen Finanzsenator war und ein erfahrener Unternehmer ist, bringe die idealen Erfahrungen mit, um die Konsolidierung des Berliner Haushaltes fortzusetzen, sagte Wowereit – eine Aufgabe, die Nußbaum zuvor auch in Bremen hatte. 

Allerdings sei es ihm dort nicht gelungen, den hoch verschuldeten Stadtstaat in mit Berlin vergleichbarem Maße zu sanieren, merkten nach Nußbaums Vorstellung Oppositionspolitiker wie der Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann an. „Er hat in seiner Zeit als Senator viel Geld ausgegeben und wenig saniert“, sagt Ratzmann. Süffisant verweist er darauf, dass Sarrazin in seiner Amtszeit wiederholt Bremen als schlechtes Beispiel genannt habe. „Und jetzt holt Wowereit den Mann, der das zu verantworten hat.“

In der rot-roten Koalition, aber auch bei der CDU hat man von Sarrazins Nachfolger dagegen bislang ein sehr positives Bild. „Er hat gezeigt, dass er mit schwierigen Rahmenbedingungen umgehen kann“, sagte SPD-Chef Michael Müller. Der SPD-Haushaltspolitiker Stefan Zackenfels lobte Nußbaums Erfahrung als Verwaltungsfachmann, als Finanzsenator und als Unternehmer. Nachdem sich Nußbaum bei den Koalitionsfraktionen vorgestellt hatte, war auch bei der Linken der erste Eindruck positiv. Und der CDU-Haushaltspolitiker Uwe Goetze sieht dem Neuen im Senat ebenfalls „hoffnungsfroh“ entgegen, wie er sagt: „Er kennt ein Haushaltsnotlageland, ist kein Freund der Linkspartei, ist wirtschaftlich und politisch unabhängig und soll in Bremen unbeirrt seinen Kurs der harten Einschnitte durchgezogen haben“, sagt Goetze.

Nußbaum selbst hielt sich an seinem ersten Tag in Berlin noch sehr bedeckt, was seine Pläne für das neue Amt angeht. Auch zu aktuellen finanz- und wirtschaftspolitischen Angelegenheiten wollte sich der designierte Senator am Donnerstag nicht äußern. Solange Thilo Sarrazin noch Finanzsenator sei, werde er sich mit Äußerungen zurückhalten.

Nußbaum wurde in Trier geboren, studierte Jura und Politik in Saarbrücken, Genf, Straßburg und London. Danach ging er nach Bremerhaven, um dort bei einem Fischgroßhandels- und Reedereiunternehmen eine kaufmännische Karriere zu beginnen. Er arbeitete in verschiedenen Führungspositionen in den Bereichen Verwaltung, Finanzen und Handel. Seit 1998 ist er Geschäftsführender Gesellschafter der SLH Sea Life Harvesting Gruppe. Die Firma importiert weltweit Tiefkühlfisch und verkauft diesen weiter an die Industrie zur Verarbeitung zu Fischstäbchen und Schlemmerfilets sowie an Großküchen. Nußbaum kündigte an, als Senator nicht weiter unternehmerisch tätig zu sein, aber Gesellschafter seiner Firma zu bleiben.


BIOGRAPHIE
Ulrich Nußbaum wurde am 10. April 1957 geboren in Trassem bei Trier.

1976 Abitur. 1976- 1982 Studium Rechts- und Politikwissenschaft. 1983 Heirat, zwei Kinder mit Ehefrau Birgitt. 1984 Promotion. 1985 2. jur. Staatsexamen.

Ab 1985 Führungspositionen in der Firma Flamingo-Fisch, Bremerhaven. 1990 Gründer und Geschäftsführer Frigo Fischtechnik. Seit 1998 Geschäftsführender Gesellschafter SLH Sea Life Harvesting Gruppe.

2003-2007 Finanzsenator in Bremen.

1996-2003 und seit 2007 IHK-Vizepräsident Bremerhaven. Seit 2004 Lehrbeauftragter für Wirtschaftsrecht, Universität Bremen. lvt

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