Umfrage : Grüne vor der SPD: Der Wowereit-Bonus ist aufgebraucht

Zum ersten Mal sieht eine repräsentative Meinungsumfrage die Grünen knapp vor der SPD. Damit könnte die noch virtuelle Spitzenkandidatin Renate Künast Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden.

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Die Grünen vor der SPD. Zum ersten Mal zeigt eine repräsentative Meinungsumfrage für Berlin ein solches Stimmungsbild. Das Institut Forsa spendiert den Grünen im August 27 Prozent, den Sozialdemokraten nur 26 Prozent. Bei der Sonntagsfrage im Auftrag der „Berliner Zeitung“ erreichen die CDU 17 und die Linke 16 Prozent. Die FDP käme mit 4 Prozent nicht wieder ins Abgeordnetenhaus.

Die Umfrage liegt im Trend, der den Berliner Grünen in den vergangenen sechs Monaten einen sensationellen Aufschwung bescherte. Und das ein Jahr vor der Abgeordnetenhauswahl, die am 4. oder 25. September 2011 stattfindet. Blütenträume scheinen zu reifen, dass die noch virtuelle grüne Spitzenkandidatin Renate Künast Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden könnte.

Die von Wissenschaftlern und Politikern vermuteten Gründe für den raketenhaften Aufschwung der Grünen: Der positive Bundestrend für eine Partei, die sich im Bund und in vielen Ländern derzeit keine Schrammen beim Regieren holen kann. Aber auch die Schwäche der bürgerlichen Oppositionsparteien CDU und FDP in Berlin und die relative Unzufriedenheit mit Rot-Rot und dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Außerdem gilt Künast, die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, als kompetente und politisch attraktive Kandidatin, die offenbar schon vor ihrer Nominierung Pluspunkte für die Grünen einholt.

In jedem Fall stehen die Grünen viel besser da als in den ersten fünf Jahren des rot-roten Senats. Dagegen zeigt die CDU seit 2006 eine durchweg schlechtere Performance als in der vorherigen Wahlperiode. Die FDP wird von der Abwärtsspirale der Bundespartei gnadenlos nach unten gezogen. Der Hype, von dem die Liberalen noch bei der Bundestags- und Europawahl 2009 profitierten, ist vergessen. Bei Union und Freidemokraten kommt hinzu, dass sie in Berlin im langjährigen Schnitt um 14 (CDU) bzw. 3 Prozent (FDP) hinter den Wahl- und Umfrageergebnissen ihrer Bundesparteien zurückbleiben.

Der Vergleich mit dem Bundestrend ist auch bei der SPD interessant. Der Wowereit-Bonus scheint seit gut einem Jahr aufgebraucht. Seitdem haben die Berliner Sozialdemokraten nicht mehr die Nase vor ihren Bundesgenossen, sondern laufen im Gleichschritt mit. Ein Jahr vor der Abgeordnetenhauswahl im Herbst 2006 stand die Wowereit-SPD viel besser da als jetzt. Der kleine Koalitionspartner, die Linke, profitierte seit 2007 erkennbar von der relativen Schwäche der SPD. Inzwischen pendeln sich die Linken auf das Niveau der ersten Regierungsperiode ein. Ulrich Zawatka-Gerlach

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