Vertriebenenzentrum : Contra: Es kann nur ein europäisches Gedenken geben

Dem Philosophen Rüdiger Safranski ist zuzustimmen, wenn er feststellt, dass ein Verbrechen ein Verbrechen bleibt, auch wenn es in Reaktion auf ein anderes Verbrechen begangen wurde. Die Gräuel der Vertreibung bleiben zweifellos Gräuel, und selbstverständlich haben die Vertriebenen ein Recht auf Erinnerung. Sie sind von vielen über Jahrzehnte mit ihren Erinnerungen alleine gelassen worden – oft aus ideologischen Gründen.

Ohne Frage, die Verdrängung der Vertreibung mit den damit verbundenen Schicksalen ist falsch. Aber man muss erwarten können, dass Ursache und Wirkung von allen auseinandergehalten werden, insbesondere von Funktionären des Bundes der Vertriebenen. Wenn wir uns erinnern, müssen wir uns in erster Linie daran erinnern, dass der Zweite Weltkrieg von Nazideutschland mit seinem Überfall auf Polen begonnen wurde und dass die Vertreibungen letztendlich im Größenwahn und im Terror der Nazis in Osteuropa ihren Ausgangspunkt hatten.

Die polnische Vertreibung muss miteinbezogen werden

Die Erinnerung an Vertreibung muss aber auch die Vertreibung vieler Polen einschließen. Deshalb hat sich der Bundestag bereits im Juli 2002 für ein europäisches Zentrum gegen Vertreibung ausgesprochen. Bei diesem europäischen Gedanken müssen wir bleiben. Ein deutsches Zentrum gegen Vertreibung würde nur wieder alte Wunden aufreißen. Dieser Problematik muss sich auch der Bund der Vertriebenen stellen.

Auch die Diskussion des Standortes erfordert Sensibilität. Zwar haben SPD und CDU vor zwei Jahren vereinbart, "im Geiste der Versöhnung auch in Berlin ein sichtbares Zeichen umzusetzen, um (…) an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten". Aber die bisher diskutierten Berliner Standorte sind ungeeignet, dies gilt insbesondere für das Deutschlandhaus, den Berliner Sitz des Bundes der Vertriebenen. Noch wichtiger ist, dass die deutsche Hauptstadt nur dann infrage kommt, wenn dies im Konsens aller europäischen Beteiligten, insbesondere mit Polen, verabredet wird.

Ein deutsch-polnischer Grenzort als Standort

Ein sehr kluger und zweifellos besserer Vorschlag ist, ein Forschungs-, Erinnerungs- und Dokumentationszentrum zu Flucht, Vertreibung und Zwangsaussiedlung in der deutsch-polnischen Grenzstadt Görlitz/Zgorzelec zu errichten. Der Präsident des EU-Parlaments, Hans-Gert Pöttering (CDU), hat sich in einem Schreiben an die Bürgermeister der beiden Städte Görlitz/Zgorzelec für eine entsprechende deutsch-polnische Initiative ausgesprochen. Die Europastadt Görlitz/Zgorzelec ist zweifellos aufgrund ihrer Lage ein sehr geeigneter Ort für das Gedenken, das nur ein gemeinsames europäisches sein kann.

Michael Müller ist Landes- und Fraktionsvorsitzender der Berliner SPD.

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